Politische Fürsprache & Einsatz für den Frieden

Zum Tee bei Prinzen, Bischöfen und Ministern

Interview mit David Müller, Politischer Fürsprecher für Religionsfreiheit im Irak

Politische Fürsprache Religionsfreiheit

David, kannst du uns einen kurzen Überblick über das Engagement der ojcos-stiftung im und für den Irak geben?

2017 wurden wir aus dem Irak mit der Frage konfrontiert: Was tut ihr dafür, dass Christen, Jesiden und ­religiöse Minderheiten im Land eine Perspektive auf ein versöhntes Leben in Würde und Sicherheit haben? Mit meiner Einstellung im Januar 2018 als „Politischer Fürsprecher für Religionsfreiheit im Irak“ haben wir uns der Herausforderung gestellt, für dieses Thema in der deutschen Politik, den Medien und der Öffentlichkeit deutlich einzutreten. Dabei leitet uns dieser Gedanke von Dietrich Bonhoeffer: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie die nächste Generation ­weiterleben soll.“ In den vergangenen Jahren besuchten wir sieben Mal den Irak, hatten unzählige ­Termine im Deutschen Bundestag und erleben dankbar, wie sich unser Netzwerk im Irak kontinuierlich erweitert. Zwischenzeitlich sind uns dort Minister und Parlamentsabgeordnete, Erzbischöfe, Mitglieder der jesidischen Prinzenfamilie und viele andere zu Freunden geworden. Auf unsere Initiative haben wir in diesem Frühjahr mit sieben weiteren Organisationen aus dem Bereich der Friedensarbeit im Irak und Deutschland das Netzwerk „Peace & Advocacy in Iraq“ gegründet. Wir wollen die Begegnung von Menschen aus den unterschiedlichen Hintergründen fördern und sie trainieren, aktiv an der Versöhnung und Gestaltung ihrer Gesellschaft mitzuwirken.

Was ist das Besondere des Engagements der ojcos-stiftung?

Einer unserer Grundsätze lautet: Hinzubringen was fehlt. Wir sehen, dass ein Großteil der vielen finanziellen Hilfe primär in Überlebenshilfe und Wiederaufbau investiert wird. Deshalb konzentrieren wir uns auf ­Fragen des friedlichen und versöhnten Zusammen­lebens. Eine weitere Besonderheit ist unsere beziehungsorientierte Netzwerkarbeit. In einer stammes- und machtorientierten Kultur versuchen wir ­unermüdlich Menschen zusammenzubringen, ­Gemeinsamkeiten zu stärken, Brücken zu bauen und um gegenseitiges Vertrauen zu werben. Diese Erfahrungen geben uns eine große Kompetenz für die politische Fürsprache.

Was bedeuten deine Besuche den Menschen im Land?

Sie sind ein Hoffnungszeichen. Die Menschen dort ­fühlen sich nicht nur ohne Perspektive, sondern auch vom Rest der Welt vergessen. Uns wird immer wieder vermittelt, dass wir eine große Vertrauenswürdigkeit und Wertschätzung genießen, weil wir a) regelmäßig das Land besuchen und b) in einer Haltung des Zuhörens und der Partnerschaftlichkeit unterwegs sind.

Was bedeutet deine politische Fürsprache für die Politik in Deutschland?

Neben dem Einsatz für Religionsfreiheit sind die ­Themen „Fluchtursachen bekämpfen“ und „Friedensarbeit und Konfliktprävention“ Pfeiler der deutschen Politik. Dazu kommt, dass der Irak eine Schlüsselrolle bei der Stabilisierung der gesamten Region hat. Durch unsere regelmäßigen Besuche im Land und die gute Vernetzung sind wir politischen Entscheidern eine ­Hilfe bei der Einordnung der teilweise widersprüchlichen Informationen aus dem Irak. Da wir eine protokollarisch niedrigere Sicherheitsstufe haben als z. B. Abgeordnete oder Mitarbeiter großer Organisationen, sind wir in unmittelbarerem Kontakt zu den Menschen und der Situation vor Ort. Diese Einblicke werden in der deutschen Politik dankbar aufgenommen.

Was war dein persönliches Highlight?

Mich motiviert es sehr, beruflich in einem außergewöhnlichen Umfeld tätig zu sein. Wer pendelt schon regelmäßig zwischen dem Irak und dem Deutschen Bundestag? Wer trinkt regelmäßig Tee (und stellt ­dabei unerschrockene Fragen) mit Erzbischöfen, Prinzen und Politikern im Irak?

Woran fehlt es vor allem in dieser schwierigen humanitären und politischen Lage?

Jahrzehntelange Kriege und nicht zuletzt der Terror des IS haben eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und des gegenseitigen Misstrauens zwischen den ­vielen verschiedenen Gruppen im Irak hinterlassen. Eine der Hauptfluchtursachen ist das grundsätzlich verlorengegangene Vertrauen in eine wie auch immer geartete positive Zukunft. Fehlende Sicherheit, unzureichende Arbeitsmöglichkeiten und eine ausbleibende Aufarbeitung des erlittenen Unrechts ergänzen dies. Hinzu kommt die große kulturelle Herausforderung: Einerseits spielen Religion und Stammeszuge­hörigkeit seit jeher eine große Rolle in der orientalischen Welt. Andererseits wird der Wunsch nach einem säkularen Staat auf der Grundlage von Staatsbürgertum, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit immer größer. Leider agieren hier auch internationale Unterstützer nicht immer kultur- und religionssensibel.

Welche Hoffnung treibt dich an und wofür bist du dankbar?

Papst Franziskus sagte einmal: „Hoffnung ist die Luft, die ein Christ atmet.“ Als Christ habe ich nicht nur eine Hoffnung, die auf das Jenseits bezogen ist, sondern auch darauf, dass Gott schon jetzt Gutes für die Menschen auf unserer Welt möchte. Dazu kommt die Überzeugung der ojcos-stiftung: „Große Türen drehen sich in kleinen Angeln.“ Wie viele Veränderungen in der Weltgeschichte nahmen ihren Anfang in der Begegnung von einzelnen Menschen, die zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren und Verantwortung übernommen haben? Ich bin sehr dankbar für Menschen, die mich dabei begleiten, beraten und ermu­tigen, sowie meine Arbeit finanziell und im Gebet ­unterstützen.

Was ist bisher nicht gelungen?

Als überzeugte Netzwerker war es eines unserer ersten Ziele, die vielen deutschen – zumeist christlichen – ­Akteure, die sich im Irak finanziell engagieren, zusammenzubringen und für einen langfristigen Lösungs­ansatz zu gewinnen. Leider haben viele Organisa­tionen Sorge um das eigene Spendenvolumen, Bedenken ­aufgrund der eigenen politischen Weltanschauung, Befürchtungen, das eigene Profil zu verlieren, negative Erfahrungen gemacht oder schlichtweg kein Interesse. Wir sind nach wie vor von den Vorteilen der Vernetzung überzeugt und bleiben mit allen Beteiligten im Gespräch. Aber wir müssen ehrlich realisieren, dass wir hier nur wenig erreicht haben.

Was ist dein Ziel, deine Vision, dein Wunsch für die kommenden zwei Jahre?

Mein Ziel ist es, einen konkreten Beitrag zu Frieden und Versöhnung im Irak geleistet zu haben und damit Menschen die Möglichkeit gegeben, in ihrer Heimat bleiben zu können. Da meine Arbeit ausschließlich aus Spenden finanziert wird, wünsche ich mir, dass dies nicht am Geld scheitern wird.

Die Fragen stellte Michael Wolf.

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