Die Existenz der Christen in der Ninive-Ebene wird ausgelöscht

Warum fühlen sich Christen im Irak unsicher und was muss getan werden?
Von Ano Jawhar Abdoka, christlicher Minister der Regionalregierung Kurdistan-Irak

Die Nachfahren Babylons und Assyriens, die Enkel Sanheribs, Nebukadnezars, Sargon Assurbanipals, Semiramis und Asarhaddons leiden unter dem andauernden Völkermord, den Extremisten vor den Augen der ganzen Welt vollziehen. Eine der ältesten christlichen Gemeinschaften, die getreue Kirche des Ostens, die von den Heiligen Petrus und Thomas, den Jüngern unseres allmächtigen Herrn Jesus Christus, gegründet wurde und zu der die Chaldäischen, Syrischen und Assyrischen Kirchen gehören, wo immer noch in der Sprache von Jesus gebetet wird, werden auf ihrem historischen Gebiet, der Ninive-Ebene, ausgelöscht.

Nach dem Sturz der Regierung von Saddam Hussein in Bagdad 2003 lebten noch mehr als 1,5 Millionen Christen in Mesopotamien, das heute Irak genannt wird. Das hat sich aber auf dramatische Weise geändert, als sich terroristische und extremistische Gruppen wie Al-Quaida, IS-Kämpfer und bewaffnete kriminellen Milizen aus Bagdad und dem südlichen Irak Christen wegen ihrer Identität zum Ziel nahmen, weil nach ihrer Überzeugung diese Christen die gleiche Religion haben wie die „Kreuzfahrer-Invasoren“.

Das hatte zur Folge, dass in Bagdad, Basra und Mossul 1.350 Christen ermordet und viele tausend mehr entführt, gefoltert und gedemütigt wurden. 111 Kirchen wurden angegriffen, viele Kirchen und Klöster wurden geschlossen, die große Mehrheit der Christen wurde in die sichere und stabile Region Kurdistan-Irak sowie die halbwegs sichere Ninive-Ebene vertrieben oder sie haben das Land ganz verlassen.

Die Ninive-Ebene, seit jeher eine Hochburg der Christen, wurde ein neues Ziel der Terroristen und Extremisten des politischen Islams und es kam zu massiven Angriffen auf Christen in Basra, Bagdad und Mossul. Am 2. Mai 2010 wurden Busse voller christlicher Studenten angegriffen. Dabei starben viele Zivilisten, darunter eine Studentin und es gab mehr als 103 Verletzte. Noch schlimmer als die Angriffe der Terroristen sind die organisierten Versuche, die Bevölkerungszusammensetzung der Ninive-Ebene zu verändern. Sie wurden von den örtlichen Vertretern unterstützt, um den Einfluss der Christen, die historisch in der Mehrheit waren, zu verringern. Bei der letzten anerkannten Volkszählung von 1957 machten Christen 60% der Bevölkerung der Ninive-Ebene aus und 3,1% des gesamten Irak.

2014 lebten mehr als 14.500 Christen in der Ninive-Ebene. Als der IS begann, die christlichen Städte und Dörfer anzugreifen, flohen 90% der Christen in die Region Kurdistan-Irak, dessen damaliger Präsident Masoud Barzani die Türen für die Christen öffnete und den berühmten Satz sagte: „Entweder werden wir alle gemeinsam, Muslime und Christen, in Freiheit und Gleichheit leben oder wir alle werden kämpfend sterben.“ Die Regierung hat getan was sie konnte, um den Christen zu helfen, obwohl sie damals keinerlei Unterstützung aus Bagdad bekam.

Die Regionalregierung Kurdistan-Irak unterstützte direkt den Bau von fünf neuen Kirchen und der damalige Ministerpräsident Nechirvan Barzani stellte den örtlichen Kirchen mehr Land für den Bau von Klöstern, Kirchen, Schulen, Universitäten und Krankenhäusern zur Verfügung als San Marino, Monaco und Vatikanstaat gemeinsam haben. Diese Politik wird vom jetzigen Ministerpräsidenten Masrour Barzani weiterhin unterstützt. Einige wenige Christen, die das Land nicht verlassen wollten, flohen nach Kirkuk und Bagdad. Die Terroristen des sogenannten Islamischen Staats zerstörten die meisten Häuser, Geschäfte, Kirchen und die Infrastruktur der Ninive-Ebene. Seit dem Exodus der Christen aus der Gegend sind 30% ins Ausland geflohen, 35% kehrten nach der militärischen Niederlage des IS in ihre Dörfer zurück und bis zu 35% leben immer noch in der Region Kurdistan-Irak, die meisten in Ankawa, Erbil und Dohuk, so zumindest die Schätzungen der Geistlichen und Hilfswerke vor Ort.

Trotz der Hilfe durch inländische Kräfte wie den Chaldäischen, Syrischen, Assyrischen und evangelikalen Kirchen, der Regionalregierung Kurdistan-Irak, verschiedener Hilfswerke und der internationalen Hilfe durch USAID, Kirche in Not, Samaritan’s Purse, SOS, Knights of Columbus und anderen, die einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau der Ninive-Ebene leisten, wird der größte Teil der Christen nicht zurückkehren.

Jede Woche verlassen vier bis sechs Familien die Ninive-Ebene in Richtung der Region Kurdistan-Irak oder ins Ausland, gemäß verschiedener örtlicher Geistlicher und lokaler offizieller Schätzungen. Infolgedessen stehen hunderte neugebauter Häuser leer.

Warum ist das so? Weil sich die Christen überhaupt nicht sicher fühlen.

Und warum fühlen sie sich nicht sicher? Weil unkontrollierte Milizen in der Ninive-Ebene mehr Macht haben als die staatlichen irakischen Autoritäten.

Aufgrund der Schwäche des früheren irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi und des strategischen Fehlers von Brett McGurk (dem früheren US-Sonderbeauftragter für die Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat) wurde die Kontrolle der Ninive-Ebene durch den IS abgelöst durch Milizen, die Stellvertreter eines regionalen Akteurs sind, der seit Jahren versuchen, die Bevölkerungszusammensetzung in der Gegend zu verändern.

McGurk und Al-Abadi haben den Milizen die Ninive-Ebene quasi auf einem Silbertablett serviert, die seither die Gegend systematisch von Christen leeren. Al-Abadi und McGurk hatten keine klare militärische Vorstellung davon, wie die Befreiung und die Nachkriegszeit der Ninive-Ebene, Sinjars und sogar Mossuls militärisch aussehen könnte, so dass nach der Befreiung Milizen, die überwiegend Stellvertreter waren, die Kontrolle übernommen haben, ohne jede Reaktion vonseiten Al-Abadis oder McGurks.

Heute hören Milizen, die mit Hashd al-Shaabi in Verbindung stehen, nicht nur nicht auf die örtlichen Autoritäten, sondern untergraben jede Autorität, schikanieren Christen und versuchen, das öffentliche Leben in der Ninive-Ebene komplett unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie legitimieren ihr Dasein mit der Anwesenheit einer kleinen militärischen Gruppe, die zu einer der assyrisch-christlichen Parteien (ADM) gehört, denn sie erhalten ihren Sold aus der gleichen Quelle. Dabei kann diese kleine Gruppe keinerlei Sicherheit garantieren. Größere Milizen wie die Brigaden 50 oder 30 würden das verhindern wann immer sie wollen.

Ein Beispiel dafür ist der Angriff der Babylon-Brigaden gegen die Nineveh Plain Protection Units (NPU) in al-Hamdaniya (Karakosch) im Juli 2017, bei dem sie das Hauptquartier unter ihre Kontrolle brachten, weshalb die NPU ihre Büros verließ, bis ein Eingreifen der Regierung in Bagdad die Situation klären konnte.

Wie kann die schwierige Sicherheitslage in der Ninive-Ebene gelöst werden? So lange das nicht geklärt ist, wird die Zahl der Christen weiterhin erheblich schwinden.

Die naheliegende Lösung würde eine mutige Entscheidung verlangen. Die Ninive-Ebene müsste komplett entmilitarisiert werden von allen unkontrollierbaren Milizen und ihren Kräften, damit die eigentlichen Bewohner der Gegend ihre Dörfer und Städte selbst schützen können.

Die nächste wichtige Frage ist, wer das tun könne? Die Regierung des Irak.

Das wird ihr aber nicht gelingen, selbst wenn sie es wollte, weil die Milizen nicht auf sie hören, wie man zuletzt sehen konnte, als Ministerpräsident Abdul-Mahdi ihnen im Juli 2019 befahl, sich aus der Ninive-Ebene zurückzuziehen, bevor er nach einigen Tagen selbst zurückgetreten ist.

Wenn wir also nicht mit der Hilfe der irakischen Regierung rechnen können, was wäre dann die Lösung?

Realistischer wäre ein gemeinschaftlicher Ansatz.

Die beste Möglichkeit, um Christen und andere Minderheiten wie die Jesiden, Kakai, Shabak und andere in der Ninive-Ebene und Sinjar zu schützen, wäre eine internationale Entscheidung mit nationalen Auswirkungen.

Denn was passiert, wird nicht nur von inländischen Akteuren, sondern auch von benachbarten Akteuren und deren Vertretern getan und muss als solches behandelt werden.

Wie bereits erwähnt, haben McGurk und Abadi die Ninive-Ebene den Milizen auf dem Silbertablett serviert. Adil Abdul-Mahdi hat versucht, den Fehler des früheren irakischen Ministerpräsidenten zu korrigieren, aber das ist ihm nicht gelungen. Jetzt liegt es in der Verantwortung des neuen US-Sondergesandten und der Regierung der USA, ihre frühere Fehlentscheidung zu korrigieren und die Christen und andere Minderheiten in der Ninive-Ebene und Sinjar zu beschützen, die schwer unter dem strategischen Fehler eines der einflussreichsten Beamten der amerikanischen Regierung in der Gegend leiden.

Die Regierung der USA könnte eine internationale Entscheidung des Weltsicherheitsrates herbeiführen, um mit einer gemeinschaftlichen Initiative der Anti-IS-Koalition, der irakischen Armee und den Peschmerga Verantwortung für die Sicherheit in der Ninive-Ebene zu übernehmen, vor allem außerhalb der Städte und an den Checkpoints, unter ständiger Überwachung durch die UNAMI (Unterstützungsmission der Vereinten Nationen im Irak).

Im nächsten Schritt sollten junge Christen, Jesiden, Kakai und Shabak in die Polizeikräfte eingebunden werden, um zur Sicherheit in ihren Städten beizutragen. Die Milizen sollten ohne jede Ausnahme abgeschafft und in die formellen Sicherheitskräfte integriert werden wie es die irakische Verfassung verlangt. Damit ist die Armee des Irak gemeint, die irakischen Sicherheitskräfte und die Peschmerga.

Was 1948 den Juden im Irak geschah, widerfährt heute den Christen, nur in noch aggressiverer Weise. Den Juden wurden damals furchtbare Dinge zugefügt, aber wenigstens hatten sie ein Land, in das sie gehen konnten.

Die Christen der chaldäischen, assyrischen und syrischen Kirchen (die chaldäisch-assyrischen Syrer oder Suryoye) haben kein anderes Land als das ihrer Vorfahren: Mesopotamien, Beth Nahrin, das Land von Assyrien und Babylon, das heute Irak genannt wird. Wenn sie gehen, wird in ihrer Diaspora mit jeder Generation ein Stück ihrer Kultur verschwinden und die Welt wird eine ihrer ältesten Kulturnationen verlieren.

Hat die Welt nicht nach dem Holocaust an den Juden „Nie wieder!“ geschrien? Was wird sie unternehmen, um die Vernichtung der christlichen Existenz in der Ninive-Ebene zu verhindern? Was wird die freie demokratische Welt tun, um den anhaltenden Völkermord an den Christen im Irak zu stoppen?

Ano Abdoka ist ein christlicher Politiker und zur Zeit Minister für Transport und Kommunikation der Regionalregierung Kurdistan-Irak.

Dieser Artikel spiegelt seine persönliche Einschätzung wider und ist weder eine offizielle Meinung der Regionalregierung Kurdistan-Irak noch der ojcos-stiftung.

Deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der englische Originalartikel erschien im kurdischen Onlineportal Rudaw.