Die vergessenen Christen im südlichen Irak


Der Volksaufstand in der Millionenstadt Basra erschwert das Leben der dortigen Christen zusätzlich.
Von Gerhard Arnold

Die christlichen Medien in Deutschland berichten immer wieder ausführlich über die schwere Bedrängnis der Christen im Irak. Dabei ist durchwegs von ihrer Situation im Norden des Landes die Rede, von ihrem Leben in den Flüchtlingslagern im Kurdengebiet und von ihrer langsamen Rückkehr in ihre Dörfer und Städte in der Ninive-Ebene. Doch von den anderen Christen, die früher sehr zahlreich in Bagdad und im Süden des Landes, in der Millionenstadt Basra und Umgebung lebten, ist so gut wie nie die Rede.

Basra, das frühere Venedig des Ostens

Vor 50 Jahren lebten in Basra mit heute etwa zwei Millionen Einwohnern etwa 5.000 christliche Familien, also über 25.000 Gläubige. Die große Mehrheit gehörte zur chaldäisch-katholischen Kirche, die als einzige in der Stadt den Sitz eines eigenen Erzbischofs unterhält. Im Juni 2013 wurde nach siebenjähriger Vakanz wohl als Zeichen der Hoffnung und der Selbstbehauptung Habib Al-Naufali zum neuen Oberhirten gewählt. Wegen der starken Auswanderung unterhält er inzwischen nur noch eine einzige Kirche, seine Patriarchal-Kathedrale, für die gegenwärtig noch etwa 350 bis 400 chaldäisch-katholischen Familien.

Die zahlreichen weiteren Kirchengebäude in der Stadt, die der syrisch-katholischen, der syrisch-orthodoxen und armenisch-apostolischen Kirche gehören, dazu auch einigen protestantischen Gemeinden, erzählen von der früheren Bedeutung des Christentums in Basra und Umgebung. Man nannte die Hafen- und Handelsstadt am Schatt-al Arab das Venedig des Ostens, gerühmt wegen seiner religiösen Vielfalt, ihrer Weltläufigkeit und Toleranz. Doch das ist inzwischen Vergangenheit, auch wenn die Mehrheit der Bewohner nicht dem radikalen, politischen Islam anhängt. Religiöser Fundamentalismus setzt sich immer mehr im Bildungssektor durch, Intoleranz und Hass gegen Nichtmuslime durchzieht die Reden fanatischer Prediger. Die Sicherheitslage auch für die christliche Minderheit ist sehr schlecht geworden. Christen, die in Basra traditionell als Geschäftsleute tätig sind, werden leicht Opfer von Entführungen.

Die Sorgen des chaldäisch-katholischen Erzbischofs

Die schwierige Lage der Christen in Basra hat sich durch den Volksaufstand seit Anfang Juli 2018 weiter verschärft. Hohe Arbeitslosigkeit, massive Korruption, völlig unzureichende staatliche Dienstleitungen und Armut trotz hoher Einnahmen aus der Erölförderung im Gebiet von Basra empören die Menschen seit langem. Die gewaltsamen Proteste ergaben sich aus den Folgen der drückende Hitzwelle, nämlich Stromkürzungen und Ausfall der Klimaanlagen, sowie der Mangel an Süßwasser zum Leben und zur Bewässerung der Felder. Letzterer ergab sich aus dem Zusammenspiel von Bevölkerungswachstum, zunehmender Versalzung und Verschmutzung des Flusswassers. Die Stromverknappung ergibt sich insbesondere aus den gestoppten Lieferungen aus dem Iran seit Sommer 2018, die andauern.

Der chaldäisch-katholische Erzbischof bat im Gespräch mit der Nachrichtenagentur FIDES am 10.09.2018 um das Gebet für die getöteten Demonstranten in seiner Stadt. Er forderte die Regierung auf, selbstkritisch ihre Ungerechtigkeit als Auslöser der Volksaufstände zu erkennen. Jüngst hätte die Hälfte der Gottesdienstbesucher wegen der abgesperrten Straßen nicht in die Kirche kommen können. Die Zustände in Basra seien „eine humanitäre, soziale und kulturelle Katastrophe“.

Ende 2017 sagte der bereits erwähnte chaldäisch-katholische Erzbischof Habib Al-Naufali in Basra einer amerikanischen Kirchenzeitung: „Die täglich praktizierten Räubereien, Vergewaltigungen durch Gangs, Folter und Mord an Christen gehen weiter. Deshalb machen sie sich Sorgen, was als nächstes passiert.“ Die rund 400 Familien in seiner Erzdiözese seien aber „Menschen von tiefer Hoffnung und ganz starkem Glauben“. Die zahlreichen Todesdrohungen, die er selber schon erhalten habe, bestehe er durch Gottvertrauen. Es gebe fanatische Prediger in Moscheen in Basra, „die laut sagen, dass wir Christen Gotteslästerer seien und Söhne von Schweinen und Affen.“ Um das christlich-muslimische Verhältnis zu verbessern, betreibt das Erzbistum soziale Einrichtungen, z.B. einen Kindergarten. Es ist dem Erzbischof auch gelungen, von der Regierung die erste neue Genehmigung seit 1970 zum Betrieb einer Kirchenschule für Christen und Muslime zu erhalten. Da keinerlei Medienbeiträge zu diesem Projekt seit 2018 vorliegen, muss man davon ausgehen, dass die Schule noch nicht in Betrieb genommen werden konnte.

Nach den Parlamentswahlen in Irak im Mai 2018 konnte erst nach Monate langem politischem Geschachere der Staatspräsident gewählt werden, danach wieder nach schier endlosen Rangeleien eine Regierung. Die Unzufriedenheit der jungen Bevölkerung über den Fortbestand des korrupten politischen Systems stieg weiter und verband sich mit der großen Unzufriedenheit über die schlimmen Lebensverhältnisse. In Bagdad und in Basra nahmen deshalb im Sommer 2019 die öffentlichen Proteste wieder Fahrt auf. Dabei lag Ton angebenden Aktivisten in Basra daran, die Proteste von den Einflüssen der Badr-Bewegung, geführt von dem sprunghaften schiitischen Kleriker al-Sadr in Bagdad, freizuhalten, auch von möglichen Manipulationsversuchen durch Zellen des sog. Islamischen Staates (IS). Man sah als Gegner auch nicht die USA an, sondern die unfähige Zentralregierung und die ebenso korrupte Stadt- und Regionalverwaltung in Basra.

Klageliste des Erzbischofs

Der chaldäisch-katholische Erzbischof sah sich deshalb veranlasst, dem vatikanischen Missionspressedienst Asia News Mitte Juli 2019 eine ausführliche Stellungnahme zur Veröffentlichung zuzuleiten. Das Dokument beinhaltet ein ausführliches Sündenregister der regionalen und der Zentralregierung. Es beginnt mit den Diskriminierungen und Diffamierungen der Christen durch staatliche Verwaltung und muslimische Kreise. Die Staatsspitze sollte die religiösen Einrichtungen, gemeint sind wohl islamische, dazu ermuntern, „über Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschenwürde zu sprechen.“ Benachteiligungen der Christen beim Ehe- und Erbrecht sollten beseitigt werden. Im Bildungswesen komme in den Schulbüchern die christliche Geschichte des Landes überhaupt nicht vor.

Das Sündenregister beschäftigt sich dann mit dem totalen Staatsversagen in allen Bereichen, die die Menschen im Land betreffen, Wohnungsnot, fehlende Arbeitsplätze, Wiederaufbau der Infrastruktur und Wirtschaftsförderung. Durch Bildungsplanung sollte die Gesellschaft auf ein neues Niveau gehoben werden. „Wir streben nach einer Nation, in der ihre Bewohner zusammen ein gemeinsames Leben aufbauen, das auf der Kameradschaft zwischen den verschiedenen Teilen beruht.“

Kirche der Jungfrau Maria wieder eröffnet

Im Vormonat, Juni 2019, eröffnete der Erzbischof nach aufwändiger Restaurierung die Kirche der Heiligen Jungfrau Maria als Gotteshaus für alle. Gebaut bis 1930 und nach dem Irak-Iran-Krieg seit 1981 als Flüchtlingslager dienend, dann geschlossen, sollte es als Zeichen der Hoffnung nun ein Mittelpunkt für alle Gläubigen in der Stadt werden, um die Jungfaru Maria anbeten zu können, auch von Menschen anderen Glaubens und unterschiedlicher Ethnien.

Die angesehene amerikanisch-arabische Medienplattform Al-Monitor berichtete am 09.08.2019 sehr nachdenklich über die Wiedereröffnung der Kirche. Sie sei als Zeichen der Hoffnung für die verbliebenen Christen im Irak wichtig, die sehr unter Diskriminierung durch den Staat und die islamischen Gruppierungen litten. Sie halte sichtbar das christliche Erbe des Landes aufrecht. Doch die starke, unaufhaltsame Abwanderung der Christen bleibe das große Problem.

Verstärkte öffentliche Unruhen seit dem 1. Oktober 2019

Die öffentlichen Unruhen haben auch weiterhin eine Einschränkung des kirchlichen Lebens nötig gemacht. Alle Aktivitäten, die über die pastorale Kernversorgung hinausgingen, also öffentliche Veranstaltungen, Umzüge und Feiern, mussten 2019 weiterhin unterbleiben.

Neben dem allgemeinen Desaster der unzureichenden staatlichen Dienstleitungen quälten die Bewohner in Basra auch in diesem Sommer wieder die großen Probleme durch Stromkürzungen, Trinkwassermangel und Wasserverschmutzung. Über 100.000 Menschen wurden deswegen krank und konnten wegen mangelnder medizinischer Kapazitäten nicht angemessen behandelt werden.

Ende September wies Erzbischof Habib Al-Naufali darauf hin, dass die ölverarbeitende Industrie in der Umgebung eine enorme Luftverschmutzung und damit zusätzliche Gesundheitsprobeme produziere.

Am 1. Oktober 2019 begannen landesweit, nicht nur in Basra, neue und verstärkte Protestwellen gegen die Regierung, deren Ministerpräsident inzwischen zurückgetreten ist, aber auch gegen die massive Präsenz des Iran, politisch, wirtschaftlich und militärisch, im Land. Viele Schulen und Ämter blieben geschlossen, Hauptstraßen wurden blockiert. Wie in der Hauptstadt Bagdad, wo die Leitung der chaldäisch-katholischen Kirche die friedlichen Demonstranten unterstützte und die Regierung aufforderte, endlich auf deren Forderungen zu hören, so verfuhr auch der Erzbischof in Basra. Im Gespräch mit Asia News am 27.11.2019 sagte er, er stimme mit den Demonstranten überein. „Das Land muss seine Infrastruktur wieder aufbauen, die Verfassung überarbeiten und sich aus der konfessionellen Logik befreien.“ Er sagte weiter, die Demonstranten würden von Familien und Freunden im Ausland unterstützt werden. Normale Iraker, vor allem junge, würden unter der weit verbreiteten Armut leiden. Es gebe Millionen von Witwen, Waisen und behinderten Menschen, die auf sich selbst angewiesen seien. Dabei habe das Land Milliarden an Öleinnahmen.

Auch die Presbyterianische Kirche im Irak nahm sich der speziellen Wasserprobleme in Basra an. Für die ganz Armen wurde Trinkwasser in Flaschen besorgt. Dazu richtete sie eine technische Anlage zur Wasserentsalzung ein, die natürlich nur kleine Mengen aufbereiten konnte.

Düsterer Ausblick

Nach den beschriebenen Konfliktlagen, dem politischen Desaster im ganzen Land und den zusätzlichen Belastungen für die Menschen in Basra kann man die Sorgen der dortigen Kirchenleute gut verstehen. Wer will in solchen bedrückenden Verhältnissen weiterhin als Christ leben, wenn man insbesondere für die eigenen Kinder keine echte Zukuftsperspektive mehr sieht? Während die Christen in Bagdad und in der Ninive-Ebene noch nennenswerte internationale Beachtung finden, dazu große kirchliche Hilfsleistungen aus dem Ausland erhalten, so gehören die Gläubigen der unterschiedlichen Konfessionen in Basra zu den vergessenen Christen des Landes.

Gerhard Arnold ist evangelischer Theologe sowie friedensethischer und zeitgeschichtlicher Publizist. Seit Jahren beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit der Lage der Christen im Nahen und Mittleren Osten.

Die hier beschriebenen Beobachtungen spiegeln seine Einschätzung wider und sind keine offizielle Stellungnahme der ojcos-stiftung.