Gleiches Blut und gleiche Tränen

Im Einsatz für Frieden und Versöhnung im Irak

Persönliche Reiseeindrücke von Michael Wolf, stellv. Vorsitzender der ojcos-stiftung

„Wir haben alle das gleiche Blut und die gleichen Tränen“, erläutert uns in Erbil der Erzbischof der chaldäischen Kirche von Mossul, Michael Najeeb. Er glaubt, dass Menschlichkeit tiefer verbindet als ethnische oder religiöse Zugehörigkeit und ist bereit, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten. Seine Kirche in Mossul, der Hauptstadt der Ninive-Ebene, ist zerstört. Weil die Lage dort vor allem nachts noch sehr unsicher ist, residiert er in Erbil, 85 km von Mossul entfernt, und pendelt etwa wöchentlich, um nach den wenigen zurückgekehrten Familien seiner Kirche zu sehen.

Siebte Reise eines Teams der ojcos-stiftung

Eine Woche war ich mit Rahel Rasmussen, Kuratoriumsmitglied unserer Stiftung, und David Müller im Nordirak unterwegs, um unsere Freunde und Partner kennenzulernen, nachdem ich Ende 2019 die Verantwortung für dieses besondere Projekt übernommen habe. Für David Müller, der seit Januar 2018 als politischer Fürsprecher für die Minderheiten im Irak von der ojcos-stiftung angestellt ist, war es die sechste Reise. Ich konnte nur staunen und mit Mühe verarbeiten, welche Bandbreite von Menschen wir getroffen haben. Alles Menschen, die sich für ihr Land und ihre Leute einsetzen und die David Müller in unermüdlicher Netzwerkarbeit kennengelernt und zum Teil als Freunde gewonnen hat. Unsere Absicht ist es, Menschen auf politischer Ebene im Irak und in Deutschland zu verbinden – Advocacy, wie es neudeutsch heißt – um die Anliegen der religiösen Minderheiten im Irak in der Politik und der Öffentlichkeit in Deutschland bekannt zu machen und für ihren Schutz einzutreten. Dieses Engagement ist für die Verantwortlichen vor Ort überlebenswichtig. „Humanitäre Hilfe in Form von Hilfsgütern und Hilfen für den Wiederaufbau kommt von vielen Organisationen. Aber wir brauchen eure Fürsprache bei euren Politikern und in der internationalen Gemeinschaft, damit unsere Regierung im Irak und die kurdische Regionalregierung gut mit den Minderheiten umgeht.“ Dieser Beistand gibt unseren Freunden Hoffnung und ermutigt sie in ihrem Engagement für ihr Land.

Das Miteinander stärken

Wir begegneten einfachen Priestern, evangelischen Gemeindeleitern, Erzbischöfen, einem Minister der kurdischen Regionalregierung, Abgeordneten im kurdischen und irakischen Parlament, Partnern von christlichen Hilfsorganisationen und mehreren Vertretern von inländischen Initiativen gegen Korruption sowie für Menschen- und Minderheitenrechte. Sie alle setzen sich mit bestem Willen für die Anliegen ihres Landes und den Aufbau eines gedeihlichen Miteinanders ein, obwohl sie oft genauso gut wie viele ihrer Landsleute im Ausland ein leichteres Leben führen könnten. Wir wollen sie zum Bleiben ermutigen, ihnen zuhören, sie miteinander in Verbindung bringen und, wo möglich, bei Politikern und Entscheidungsträgern in Deutschland auf sie aufmerksam machen. Durch unsere regelmäßigen Besuche zeigt sich, dass es inzwischen mehr solche Initiativen gibt, die Zusammenarbeit hat zugenommen, auch die sonst häufige Zerstrittenheit der religiösen, konfessionellen und ethnischen Gruppen vermindert sich. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, was uns auch von einem Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH bestätigt wird, der vor Ort im Bereich des zivilen Friedensdienstes tätig ist.

Die Begegnung mit dem eingangs erwähnten Erzbischof Najeeb, einem klugen und warmherzigen geistlichen Mann, machte uns die Zerrissenheit des Irak und die Zerrissenheit der christlichen Minderheit besonders deutlich. Auf der einen Seite hören wir von der Not vieler zerstörter Kirchen und Dörfer und vertriebener Menschen. Nur wenige kehren zurück, da es keine Perspektive zum Leben gibt: „Hilfsgelder sind da, Häuser werden wieder aufgebaut. Aber wir brauchen Infrastruktur und Arbeitsmöglichkeiten, um leben zu können. Uns fehlen ausgebildete Leiter, die eine hoffnungsvolle Entwicklung in der Gesellschaft in Gang bringen können.“ Trotzdem blickt er mit Hoffnung auf die Zukunft der Christen im Irak: „Die Wurzeln des Christentums hier sind immer noch lebendig und werden nicht sterben. Sogar junge Menschen haben einen starken Glauben. Die jungen Demonstranten in Bagdad suchen nach einer echten Bestimmung als Menschen und nach einer Alternative.“ Persönlich ergänzt er: „Wir fürchten uns nicht. Wir haben Hoffnung, weil wir unsere Tradition haben, unsere Gebete und Freunde in der Welt. Wir wollen Botschafter der Hoffnung sein.“

Beauftragter für Religionsfreiheit und Frieden

Beeindruckend war ein Besuch im Ministerium für religiöse Angelegenheiten der kurdischen Regionalregierung. Der Direktor für christliche Angelegenheiten stellte uns einen wichtigen Mitarbeiter vor, der für Religionsfreiheit und sozialen Frieden zuständig ist. Es stellte sich heraus, dass er aus einer besonders strengen muslimischen Familie aus Halabdscha stammt, einer Stadt, die 1988 unter dem Regime von Saddam Hussein mit Giftgas angegriffen worden war. Er verlor bei diesem Angriff seinen Vater und weitere Mitglieder seiner Familie. Selbst ein Opfer von Hass und Gewalt ist er zu einem Fürsprecher für Religionsfreiheit und Verständigung geworden. Unser neuer Freund formulierte es so: „Führende Persönlichkeiten in den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen tragen eine große Verantwortung, dass Frieden zwischen ihnen werden kann.“ Solche Menschen wollen wir ermutigen und ihrem Anliegen eine Stimme geben, damit in diesem Land Verständigung und Versöhnung geschehen können. Es ist unsere Hoffnung und Überzeugung, dass die Region Kurdistan-Irak dafür ein Modell in der gesamten Region des mittleren Ostens sein kann. Deshalb ist es wichtig, wenn einzelne Persönlichkeiten mit Einfluss in diesem Bestreben unterstützt werden. Die deutsche Regierung und Öffentlichkeit kann dazu einen Beitrag leisten.

Bei unseren christlichen und jesidischen Partnern

Bei unseren christlichen Partnern von CAPNI und Life Agape erlebten wir herzliche Gastfreundschaft, sichere Begleitung, kompetente Beratung und großes Wohlwollen. Wir sind sehr dankbar für sie, ihre Hingabe und ihren selbstlosen Dienst. Das hat uns sehr geholfen, auch ihre Sorge um unsere Sicherheit, die darum zu keiner Zeit gefährdet war. Wir erlebten, dass unser Bemühen, mit Politikern in Kontakt zu kommen, auch für unsere christlichen Partner neue Horizonte eröffnet und sie bei ihrem Engagement für ein gesellschaftliches Mitgestaltung unterstützt.

Zwei Tage und zwei Nächte waren wir Gäste in der Familie eines Mitgliedes der jesidischen Prinzenfamilie. Aus Mossul vertrieben, lebt er mit Frau und Kindern in einem sehr einfachen Haus. Er begleitete uns in dieser ganzen Zeit und teilte alles mit uns. Wir gewannen seltene Einblicke in die ansonsten sehr eigene und meist verschlossene Welt dieser Minderheit und sahen, welch gravierende gesellschaftliche Zurücksetzung sie erleiden. Bei unserem Besuch in ihrem wichtigsten Heiligtum in Lalisch sahen wir, dass auch in dieser, uns wenig bekannten Kultur, Menschen Frieden, Zugehörigkeit, Nähe und Wohlergehen suchen. Auf meine Frage, was im Zentrum ihrer Religion steht, antwortete unser Gastgeber: „Es ist der Frieden, den wir alle suchen. Und vielleicht ist es gut zu wissen, dass von Jesiden noch nie ein Krieg ausgegangen ist.“ In dieser grundlegenden Menschlichkeit fühlen wir uns ihnen sehr verbunden.

Versöhnung und Barmherzigkeit

Die Reise war eine große Horizonterweiterung und Lernerfahrung – so viele Menschen mit unterschiedlicher religiöser und kultureller Prägung, mit verschiedenen historischen Erfahrungen zu treffen, wirkt auf das eigene Herz. Mir als Christ ist klar, dass Verständigung nur durch Versöhnung und Vergebung geschehen kann. Die leidvollen Erfahrungen, von denen wir hören, stellen eine Anfrage an meine eigene Versöhnungsbereitschaft. Welch weiter Weg ist in dieser Gesellschaft zurückzulegen, wenn ich sehe, wie schwer es mir manchmal selbst hier in Deutschland fällt, versöhnt mit meinem Nächsten zu leben. Diesen Weg wollen wir auch weiterhin mit unseren Freunden und Partnern im Irak gehen, gemäß dem Grundsatz unserer Stiftung: „Brücken bauen durch Vertrauen“.

Weitere Reiseberichte: