Konstantin Mascher und Emanuel Youkhana im Januar 2017

Die Hoffnung lebendig erhalten

Interview mit dem irakischen Erzdiakon Emanuel Youkhana

Emanuel Youkhana ist Erzdiakon (Archimandrit) der Assyrischen Kirche des Ostens und Gründer des irakischen Hilfswerks CAPNI. Geboren wurde er 1959 in Dohuk im Nordirak, in Mossul besuchte er die höhere Schule und machte in Bagdad den Abschluss als Elektroingenieur. Danach stellte er sich in den Dienst der Kirche.

Konstantin Mascher: Vater Emanuel, wie kam es zu Ihrer Berufung ins Amt des Archimandrit der Assyrischen Kirche?

Emanuel Youkhana: Die Kirche war schon früh Teil meines Lebens. 1979 wurde ich Diakon. In meiner Kirche assistiert der Diakon dem Priester in der Liturgie. 1987 bin ich dann zum Priester ordiniert worden. Ich habe kein formelles Theologiestudium absolviert, einfach weil es keine christliche Einrichtung gab, die das anbot. Aber innerhalb meiner Kirche habe ich entsprechende Kurse besucht. Meine erste Gemeinde war Sumel in der Nähe von Dohuk. 1933 hatte es dort den letzten Gottesdienst gegeben, bevor bei einem Massaker alle Christen getötet oder zur Flucht nach Syrien gezwungen worden waren. Durch Gottes Gnade und die Gebete vieler Treuen war es uns als Gemeinde möglich, das Stockwerk eines Wohnhauses zu mieten. Später konnten wir mit Hilfe der Bayerischen Landeskirche sogar eine Kirche bauen.

Was veranlasste Sie, nach Deutschland zu ziehen?

1991, nach der Invasion Kuwaits und dem ersten Golfkrieg, gab es eine Massenflucht in den Norden Iraks Richtung türkischer und iranische Grenze. Erst als diese Region von der UN zur Flugverbotszone und damit zum „sicheren Hafen" erklärt wurde, konnten die Menschen in ihre zerstörten Dörfer zurückkehren. Wegen meines Einsatzes für die Belange der Christen wurde meine Familie 1994 zur Zielscheibe und bei einem Anschlag des entmachteten Regimes wurde unser Haus von einer Granate getroffen. Als Priester hatte ich kein Anspruch auf eine Leibwache, deshalb waren wir als Familie gezwungen, den Irak zu verlassen und nach Deutschland zu ziehen. Dort wurde ich Priester in unserer Gemeinde, kehre seither aber immer wieder in den Irak zurück.

Sie haben in den 90er Jahren CAPNI gegründet, wie kam es dazu?

CAPNI steht für „Christliches Hilfsprogramm Nohandra Irak“ – Nohandra ist der alte assyrisch-christliche Name für Dohuk, wo sich unser Zentrum befindet. Die Abkürzung ist zugleich ein Wortspiel, denn in unserer Sprache heißt capni hungrig. So schafften wir die Verbindung zur humanitären Arbeit. Von Anfang an war es mir wichtig, wo immer ich als Priester arbeite, den Bedürfnissen der notleidenden Menschen zu dienen, egal ob sie Christen oder Nicht-Christen sind. Auch heute betrachte ich es als meinen Auftrag, den Stimmlosen und der verfolgten Kirche meine Stimme zu geben und den Geschwistern zur Seite zu stehen. Unter Saddam lebten wir im Irak wie in einem riesigen Gefängnis. Nachdem unsere Region zum „sicheren Hafen" erklärt wurde, öffnete sich für einen Teil des Irak die internationale Welt. Wie stets waren es Kirchen und christliche Einrichtungen, die als erste kamen, um der humanitären Not in der Bevölkerung zu begegnen. Nahezu täglich empfingen wir Besucher, die mehr über unserer Situation erfahren wollten. Ich war damals einer der Ansprechpartner, und bald merkten wir, dass es eigentlich eine Organisation bräuchte, die das Anliegen der Betroffenen vertritt. So habe ich mit vier anderen Personen CAPNI gegründet.

Wie hat sich die Arbeit in 25 Jahren verändert?

Wir begannen klein mit unserem humanitären Dienst. Ein doppeltes Embargo, ein internatio­nales gegen den Irak und eines von Saddam Hussein gegen Kurdistan erschwerten die Arbeit sehr. Zwar hatten die Leute nun die Möglichkeit, in ihre Dörfer zurückzukehren, um sie wieder aufzubauen, es standen ihnen aber keinerlei Mittel zur Verfügung. Von Anfang an war unser Motto: Die Hoffnung lebendig halten! Wir haben Häuser, Kirchen, Schulen, Bewässerungsanlagen gebaut. Aus zuerst lebensrettenden Maßnahmen wurden allmählich nachhaltige Programme, die notwendiger sind denn je.

Können Sie uns ein aktuelles Beispiel erzählen?

Sie haben doch das große Flüchtlingscamp bei Dawudye mit seinen childfriendly spaces besucht. Kinder, die viel Schreckliches gesehen und erlebt haben, können dort in Ruhe spielen, malen, sie er­halten Unterricht, es gibt Sport und Bewegung – alles dient der Heilung ihrer traumatisierten Seele. Seit zwei Jahren machen wir diese Arbeit. Sehr wichtig ist auch der Schulbesuch. Schulunter­richt ist teuer, für viele Dörfer ist es ein Problem. Wir fahren inzwischen jeden Tag über 3000 Kinder zur Schule – in zwei Gegenden, wo es sonst keinen Unterricht gäbe. Ein anderes Programm ist das Katechese-Programm, zur Unterstützung der Gemeinden vor Ort mit Bibelstunden und liturgischem Unterricht, einem Chor, Sommerklassen, Kommunionsunterricht. Jede Gemeinde kann sagen, was sie braucht, wir unterstützen sie dann. Außerdem fördern wir die assyrische Kultur und Sprache. Wir drucken Bücher in assyrischer Sprache und bilden Lehrer aus. Wir sind nicht nur Christen, wir sind auch Assyrer oder Chaldäer. Wir haben unser ganz eigenes Erbe, unsere Sprache, unsere kulturelle Identität und die ist uns wichtig.

Im 7. und 8. Jahrhundert war die Bevölkerung hier mehrheitlich christlich. Heute bilden sie eine Minderheit im Land. Wie kam es dazu? 

Ich kenne kein vom Islam geprägtes Land, in dem Christen in der Mehrheit geblieben wären. Es ist kein Zufall, dass in allen sog. islamischen Ländern, in Ägypten ebenso wie in Syrien, die Christen zu einer Minderheit wurden. Die Bibel ist in diesem Punkt sehr klar bezüglich der Nachfolge Jesu: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Ihr werdet gehasst und verfolgt werden ... Für uns ist die aktuelle Lage daher nicht weiter überraschend, wir haben 2000 Jahre Verfolgung erlebt. Tagtäglich rezitieren wir im Morgen- und Abendgebet liturgische Hymnen, die den Märtyrern gewidmet sind. Das mag befremdlich oder übertrieben klingen, aber angesichts der Gräuel allein im 21. Jahrhundert erscheint es nicht als unangemessen. Der IS hat gewissermaßen nur bestätigt, was uns unsere Ge­schichte lehrt.

Und die Christen hatten nie die Chance, sich zu verteidigen?

Nein, unsere Gemeinschaft ist friedliebend und hält sich fern von der Macht. In der zweitausendjährigen Geschichte unserer Kirche kannten wir keine christliche Regierung. Vor dem Islam herrschten hier persische Fürsten, danach verschiedene muslimische Dynastien, Abbasiden, Mongolen und andere. Unsere geistlichen Führer und die Kirche stellten niemals die Regierung.

Es heißt, es gab hier eine lange, friedliche und fruchtbare Koexistenz von Christen und Muslimen.

Ich kann Ihnen da nicht zustimmen. Wir Christen waren stets Bürger zweiter Klasse. Und als Bagdad 1258 von den Mongolen gewaltsam eingenommen wurde, traf das die Christen besonders hart. Während der Blütezeit des Kalifates galten sie zumindest noch als gut ausgebildet und sprachlich versiert. Die Ärzte des Kalifen und seiner Frauen waren Christen, in seiner Bibliothek arbeiteten christliche Gelehrte, und Christen galten als Brücke zwischen dem griechischen und dem arabischen Denken. Bis zum 13. Jahrhundert waren wir auf intellektueller Ebene einigermaßen akzeptiert, später nicht mehr.

Was bedeutet es für das Selbstverständnis assyrischer Christen, jahrhundertelang in einem andersgläubigen System zu leben?

Das ist eine interessante Frage. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Ihrer Kirche und meiner, zwischen mir als Person und Ihnen als Christ. Wir leben hier als Minderheit unter einer muslimischen Mehrheit. Sie leben in einer Mehrheit von Christen, die eine Minderheit von Muslimen aufnimmt. Sie reden leicht über Koexistenz und friedliches Zusammenleben und können bei kulturellen und religiösen Diskussionen offen und tolerant auftreten, einfach, weil Sie keiner Gefahr ausgesetzt sind. Uns hingegen bringt man wenig Toleranz entgegen. Hier ein Beispiel: Die Wiege des sog. islamisch-christlichen Dialogs, zu dem es heute so viele Veranstaltungen gibt, ist das Bagdad des­ 8. Jahrhunderts. Mein Patriarch Timotheus der Große vertrat damals die Christenheit, Kalif Mahdi den Islam. Nach Mahdi sind in der islamischen Welt zahlreiche Schulen und Einrichtungen benannt, aber nicht eine einzige Schule oder Bibliothek trägt den Namen von Timotheus dem Großen. Ein anderes Beispiel: Über uns Christen und drei weitere nicht-muslimische Minderheiten, die es hier bereits vor der Islamisierung gab, schweigen die Lehrpläne. Ein irakischer Schüler bekommt während seiner Schullaufbahn kein einziges Wort über Christen, Juden, Jesiden oder Mandäer zu hören. In der Medienöffentlichkeit wird nur verzerrt und diffamierend über uns berichtet. Die Juden gelten als unrein und des Lebens nicht würdig, die Jesiden werden als Teufelsanbeter verunglimpft, was sie nicht sind, und wir Christen sind die Whiskytrinker.

Unsere Medien berichten vorwiegend negativ über den Irak. Was wäre denn Wichtiges über das Gute zu sagen?

Der Irak ist ein Land der Bibel – das allein ist schon ein hohes Gut. Hier wurde Abraham geboren und viele Propheten haben hier gewirkt, wie Daniel in babylonischer Zeit, Jonah in der Stadt Ninive, Nahum in Elkosch. Seit zweitausend Jahren ist das Christentum im Irak vernehmbar präsent. Bis heute und trotz aller Gewalt gibt es hier die wunderbare Vielfalt von Kulturen und Religionen: Jesiden, Mandäer, Zoroastrier, Baha'i. Bei aller Schwierigkeit des Zusammenlebens, vor allem mit den Muslimen, ist es meine Hoffnung und mein Gebet, dass wir diese Vielfalt gestalten können und einander und die Menschheit damit bereichern. Das wird durch die aktuellen politischen Ausein­andersetzung und täglich aufbrechenden Spannungen sehr erschwert.

Unter uns heißt es oft, dass wir aus Solidarität mit dem Irak mehr Christen in Deutschland und Europa aufnehmen sollen. Wie denken Sie darüber?

Ganz ehrlich, wenn Sie das tun, werden Sie nur vollenden, was der IS anstrebt. Es gibt sicher Einzelne oder Familien, die der direkten Verfolgung durch den IS ausgesetzt waren und die eine neue Chance brauchen. Als die Kirche „Unsere liebe Frau der Erlösung“ in Bagdad bombardiert wurde, haben uns einige naive Politiker sofort hundert Visa versprochen. Ich antwortete ihnen, dass es besser sei, hundert Kindergärten zu bauen, oder hundert Schulen oder Krankenhäuser. Wir können den Anteil der Christen an der Bevölkerung nach ihrer­ Vertreibung nicht wiederherstellen, aber wir können und werden die Rolle der Christen durch diese sozialen Einrichtungen sicherstellen. Bauen Sie ein Krankenhaus in Dohuk, in dem Christen, Jesiden und Muslime behandelt werden können, und Sie werden das Ansehen der Christen vor Ort stärken. Sie tun damit, was unser Herr uns gelehrt hat. Baut eine christliche Schule für Christen und Nichtchristen, ermöglicht ihnen eine gute Bildung, das stärkt die Gemeinschaft als solche und das Ansehen der Christen. Diaspora ist nur dann eine lebendige Diaspora, wenn sie eine Heimat hat. Diaspora kann keine Alternative zur Heimat sein.

Welche Vision haben Sie für Ihr Land und die Christen?

Wir sind Kinder der Hoffnung. Wir geben die Hoffnung nie auf. Nicht nur das, wir geben unsere Hoffnung weiter. Aber es genügt nicht, diese in schönen Worten oder Gottesdiensten auszu­drücken. Sie muss durch praktisches Tun verstärkt werden. Schulbildung für die Kinder bedeutet Hoffnung. Ausbildung, Arbeit für arbeitslose Frauen, Chancen zur Rückkehr – so kann sich Hoffnung materialisieren. Einer meiner deutschen Kollegen hat mich gefragt, was meine Kirche den Kirchen des Westens geben könne. Abgesehen von der sehr reichen, geistlich tiefen Liturgie können wir ein Beispiel dafür sein, wie man dem Glauben trotz andauernder Verfolgung treu bleibt.