Was Deutschland & Europa über die Demokratie und den Islam im Irak wissen sollten

Interview mit dem irakischen Erzdiakon Emanuel Youkhana, Gründer und Exekutivdirektor des irakischen christlichen Hilfswerks CAPNI

 

UMGANG MIT DEM ISLAM


David Müller: Vater Emanuel, in Europa wird lebhaft debattiert, wie mit dem Islam, dem liberalen genauso wie dem fundamentalistischen, umgegangen werden soll. Wie sehen Sie das, aus Ihrer persönlichen Erfahrung und vor dem Hintergrund der langen Geschichte Ihrer Kirche?

Emanuel Youkhana: Es ist ganz wichtig zu bedenken, dass die Christen in Europa und die Christen im Mittleren Osten von verschiedenen Positionen ausgehen. Wir als christliche Minderheit sind gebürtige Iraker, aber wir leben unter einer Mehrheit von Muslimen, nicht mit ihnen gleichgestellt. Die säkularen Gesellschaften Europas sind den Menschenrechten verpflichtet, die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut und muslimische Flüchtlinge und Migranten werden als eine Minderheit aufgenommen. In der Konsequenz ist unsere Wahrnehmung von muslimischem Leben sehr verschieden. Wir leben unter der Scharia, in einer Umgebung, in der das ganze öffentliche Leben und auch die Medien direkt oder indirekt von der Moschee bestimmt wird. Der Islam bestimmt hier das ganze Leben der Muslime, in Europa geschieht das nur innerhalb der Moscheen und im Privaten.

Müller: Aber die Muslime hier und dort sind doch die gleichen?

Youkhana: Natürlich und ich habe auch gar nichts gegen sie. Aber ein Beispiel kann den Unterschied vielleicht deutlich machen: Als die mohammed-kritischen Cartoons veröffentlicht wurden, kam es in der ganzen islamischen Welt zu Massendemonstrationen und zu offiziellen Beschwerden, dass der Islam herabgesetzt würde. Als Ausdruck ihres Zorns wurden in mehreren Ländern dänische Botschaften und christliche Kirchen angegriffen. Gleichzeitig gibt es in der islamischen Welt kaum Proteste, wenn im Namen Allahs Tausende getötet, versklavt oder in die Flucht getrieben werden. Dagegen gab es nicht eine Massendemonstration. Das spricht doch für sich.

Müller: Europäischen Politikern und Vertretern der christlichen Kirchen ist an Deeskalation gelegen und daran, den Unterschied zwischen Christen und Muslimen in unseren Ländern nicht noch zu verstärken.

Youkhana: Diese Haltung kann ich verstehen. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass Politiker und Kirchenvertreter den Islam verklären und jedwede Konfrontation vermeiden, weil von den Muslimen erwartet wird, dass sie die Initiative ergreifen und einen toleranten Islam implementieren.

Weltliche und kirchliche Organisationen, die islamische Initiativen für gegenseitigen Respekt, Koexistenz und Dialog fördern, sind mir herzlich willkommen. Aber sie dürfen sich nicht einseitig mit dem Islam identifizieren, es muss gegenseitig sein und keine Einbahnstraße.

ZUSTAND DER DEMOKRATIE IM IRAK


Müller: Die Menschen in Deutschland sind sich nicht einig, ob der Einmarsch der USA in den Irak der richtige Schritt war. Wir sind bereit, demokratische Strukturen zu stärken und auch zu verteidigen, aber nicht gegen den Willen eines souveränen Staates. Uns ist es wichtig, demokratisch zu handeln. Aufgrund des großen Migrationswunsches, arbeitet im Irak jedoch die Zeit gegen uns. Wie weit kann, bzw. sollte ein demokratischer Staat, eine westliche Gesellschaft, eingreifen, um demokratische Strukturen nach westlichem Standard aufzubauen, ohne auf „Geheimdienstmethoden” zurückzugreifen?

Youkhana: Sehen Sie, selbst in der Frage der amerikanischen Invasion des Irak 2003 haben der Irak und der Westen unterschiedliche Ansichten. In Deutschland, als einem sicheren Land, hält man Krieg für mehr als fragwürdig. Und ich stimme zu: Krieg ist niemals eine Lösung. Aber wir sind Opfer eines totalitären und grausamen Regimes und kannten eh keinen Frieden als diese amerikanischen Cowboys auftauchten und den Krieg mitbrachten. Wir hatten schon seit Jahrzehnten Bürgerkrieg und waren im Krieg mit den Nachbarländern. Unsere Regierung hatte chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Unter Saddam waren mehr als viertausend Dörfer komplett zerstört worden. Wir befanden uns also schon im Krieg und die Invasion war aus unserer Sicht die letzte Schlacht, um einen jahrzehntelangen Krieg endlich zu beenden.

Müller: Aber leider hat die Invasion den Krieg nicht beendet.

Youkhana: Nein, leider. Ein paar Monate lang schien alles in Ordnung zu sein, es gab keine Kontrollen mehr im Land, der ganze Irak schien sicher, die Menschen genossen einen normalen Alltag und sicheres Reisen. Leider stellte sich sehr schnell heraus, dass durch die amerikanische Invasion nicht nur die Regierung gestürzt worden, sondern das ganze Land zusammengebrochen war. Konkurrierende und kämpferische Milizen füllten das ideologische Machtvakuum, das dem totalitären Regime folgte.

Müller: Würden Sie sagen, dass die Invasion ein Fehler war?

Youkhana: Es sind viele Fehler gemacht worden, aber ich würde dennoch unterscheiden zwischen dem Sturz von Saddam und der Nach-Saddam-Ära, für die die USA weder einen Plan noch eine Strategie hatte. Aus unserer Sicht war der Druck aus Europa und den arabischen Ländern auf die USA, sich zurückzuziehen, nicht hilfreich. Ihr Rückzug übergab den Irak und die Bevölkerung an korrupte, unfähige Politiker, die kein Konzept, geschweige denn Erfahrung mit einem demokratischen Staat hatten. Zwar wurden einige neue demokratische Mechanismen eingeführt, aber wir haben keine Erfahrung damit und auch keinerlei Kenntnis der demokratischen Werte, will heißen, wir dürfen wählen, aber es fehlen uns die Kriterien um zu entscheiden, wen wir wählen.

Ich gebe Ihnen ein lustiges Beispiel, auch wenn es eigentlich überhaupt nicht lustig ist. Wir hatten zugesagt, die Geschlechterdiskriminierung zu bekämpfen, also musste es bei den Wahlen auch weibliche Kandidaten geben. Entsprechend der Frauenquote des irakischen Parlaments war bei uns eine Frau bereit, sich zu engagieren. Überall gab es Wahlplakate, auf denen aber nicht sie, sondern ihr Mann zu sehen war. Für die Frau und ihre Familie fühlte es sich einfach nicht richtig an, so in der Öffentlichkeit zu stehen und ein großer Teil unserer Gesellschaft sieht das genauso. Die demokratischen Mechanismen gibt es also, nicht aber das kulturelle Fundament dafür.

Müller: Wirklich schwierig. Was wusste man über die Kandidatin?

Youkhana: Nicht viel, nicht mal ihren Namen. Sie wurde überall als „Frau von” oder „Mutter von” vorgestellt. Noch ein Bespiel dafür, wie Entscheidungen gefällt werden: Ein ehemaliger Kandidaten für das kurdische Parlament, Haider Faili, den ich persönlich kenne, ist überzeugter Sozialist, wenn nicht sogar Kommunist, in jedem Fall lehnt er Religion ab. Seine Familie ist schiitisch. Seine Mutter hatte versprochen, ihn zu wählen, tat es dann aber doch nicht. Als ihr Sohn sie nach dem Warum fragte, antwortete sie: „Die Moschee wäre wütend auf mich, hätte ich dich und nicht die Schiiten gewählt.” Obwohl die Mutter also frei entscheiden konnte, für Sohn zu stimmen, hat sie sich dem Druck der religiösen Führer gebeugt.

WIE KÖNNEN WIR HELFEN?


Müller: Was können die westlichen Länder dazu beitragen, damit demokratische Strukturen gestärkt werden, ohne militärische oder andere gewalttätige Interventionen?


Youkhana: Sofortige Hilfe ist wichtig, aber es müssen langfristige Lösungen gefunden werden. Ich halte es für besser, in langfristige Lösungen zu investieren, damit das Land stabil wird und ein nachhaltiges politisches System entwickeln kann. Daran kann der Westen nur interessiert sein, denn wir leben in einem globalen Dorf.

Müller: Und wie können solche langfristigen Lösungen aussehen?

Youkhana: Zuallererst sollte in die Lehrpläne der Schulen, in die Bildung der nächsten Generation, die Unterstützung der Studenten und Fachkräfte investiert werden. Wir brauchen eine neue Generation, die in der Lage ist, Verantwortung für das Land zu übernehmen.

Müller: Sollte die Bildung streng säkular sein?

Youkhana: Würde ich nicht so sehen! Mir sind Schulen und Bildung, die unabhängig von muslimischen religiösen Vorgaben sind, lieber. Aber wir müssen realistisch sein und Schritt für Schritt vorgehen: Ausbildung von Studenten, Bereitstellung von Lehrplänen, Vermittlung von Werten, Kriminalisierung von Hassreden jeglicher Art usw. Darauf sollten sich unsere gemeinsamen Anstrengungen konzentrieren, damit die jungen Menschen die Situation verstehen und sie aus einer globalen Perspektive betrachten können.

Müller: Welche Voraussetzungen sollten dafür gegeben sein?

Youkhana: Es braucht zum Beispiel eine Revision der Verfassung. Viele Gesetze und die ganze Gesetzgebungsstruktur müssen neu bedacht werden. Die zentrale und größte Herausforderung ist, die Jungen zu erreichen. Es wird Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte und mehrere Generationen brauchen, um die Menschen zu bilden. Es braucht die Hilfe der öffentlichen Medien, von Politikern und Nichtregierungsorganisationen. Die Leute müssen die Menschenrechte, wie sie z. B. in der UN-Charta der Menschenrechte festgehalten sind, kennen. Aber es gibt eine Abkürzung. Wenn die Kenntnis der Menschenrechte in die Lehrpläne der Schulen einbezogen wird, wenn die Regierung sie in ihre Handlungsanweisungen aufnimmt, dann wird das schon in ein bis zwei Jahren Auswirkungen haben.

Müller: Gibt es weitere strategische Abkürzungen, um den demokratischen Wandel zu stärken?

Youkhana: Sicher, entsprechender Druck, diplomatisch und finanziell, auf die Regierung könnte helfen. Wenn Politiker einmal an der Macht sind, haben sie wenig Interesse an Veränderung. Aber wer zahlt, bestimmt die Bedingungen. Deutschland, z.B. investiert jetzt eine Menge im Irak. Weder Berlin noch Paris oder Washington sind Wohltätigkeitsvereine, aber warum sollten Menschenrechte nicht Teil der Projekte sein?

Müller: Welche besonderen Kriterien würden Sie empfehlen?

Youkhana: Menschen- und Minderheitenrechte sollten regelmäßig überwacht werden, ausgehend von fairen und ausgewogenen Berichten, die von NGO’s beigesteuert und von den Botschaften und den Einrichtungen der Internationalen Menschenrechte vervielfältigt werden. Auf Grundlage dieser Berichte könnten Berlin und andere entscheiden, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Auf die Weise könnte auch Korruption vorgebeugt werden.

Sehr effektiv wäre auch, Initiativen im Land zu unterstützen, z.B. Plattformen für offenen und ehrlichen Austausch. Nach all den menschengemachten Katastrophen in unserem Land brauchen wir mehr und bessere interreligiöse Plattformen, auf denen die gemeinsame Zukunft der verschiedenen Volksgruppen und Religionen diskutiert werden kann. Die Parteien und die Entscheidungsträger konzentrieren sich oft nur auf ihre Opferrolle, sehen sich als Opfer der Interessen und Verschwörungen von Supermächten, die unsere Grenzen überschritten haben, weil sie unser Öl wollen. Aber die Wurzeln von Krieg, Hass, Kriminalität in unserem eigenen Erbe, unseren Schulen, unserer Gesetzgebung, werden nicht angetastet.

Müller: In Deutschland haben wir gerade mit vermehrtem Rechtpopulismus und Propaganda zu tun. Wenn wir auf die Schwierigkeiten von Christen in einer islamischen Umgebung hinweisen, müssen wir aufpassen, dass wir nicht anti-muslimische Ängste stützen, da muss sorgfältig unterschieden werden. Wie gehen wir vor? Was schlagen Sie vor?

Youkhana: Nun, das ist Ihre Hausaufgabe. Zunehmender Unmut ist nicht nur ein deutsches Problem, den gibt es weltweit. Soweit wie ich die Situation in Deutschland beurteilen kann, ist der Erfolg der rechten Kräfte in der herrschenden Debatte die andere Seite der Münze einer fehlenden Bereitschaft, sich mit dem Vormarsch des Islam in ausgewogener Weise auseinanderzusetzen. Natürlich setze ich mich gegen eine Islamphobie unter Christen ein und ich unterstütze muslimische Länder in ihrem Kampf gegen den radikalen Islamismus. Gleichzeitig kritisiere ich auch diejenigen, die nicht an die Wurzeln des Problems gehen und verstehen, wie eine feindlich gesonnene muslimische Umgebung zu einer Islamophobie unter den Minderheiten in unseren Ländern und den westlichen Gastgebern führen kann. Die Kolonisierung des Westens als Grund für islamischen Terror reicht als Erklärung nicht aus. Die Amerikaner haben in Vietnam wesentlich mehr Schaden angerichtet, als die Briten oder Franzosen im Irak, trotzdem kommt aus Vietnam kein weltumspannender Terror. Es ist wichtig, nüchtern und ehrlich zu bleiben, und Nüchternheit und Ehrlichkeit auch von der islamischen Seite zu erwarten.

Müller: Die Migranten der zweiten Generation aus muslimischen Ländern in Westeuropa haben eine Menge Schwierigkeiten, auch mit Ausgrenzungen.

Youkhana: Aber das kann nicht die einzige Erklärung oder gar Entschuldigung für Radikalisierung sein! Christen werden in arabischen Ländern viel stärker ausgegrenzt und dennoch bauen sie keine weltweiten Terrornetzwerke. Und was ist mit all den ausgegrenzten Migranten aus Ostasien, China oder Afrika? Es ist wichtig, die sensible Frage dieser besonderen Religion zu erörtern und Muslime zu ermutigen, ihr Erbe kritisch zu betrachten und genauso ihre eigenen religiösen Vorurteile.

Müller: „Terror kennt keine Religion“ – das hört man häufig in Europa.

Youkhana: Stimmt schon. Zumindest was die Religion der Opfer angeht, ist das keine Frage. Bis jetzt wurden mehr Muslime von radikalen Islamisten getötet. Aber als Quelle für Terror spielt Religion eine Rolle. Zumindest in meiner Heimat und für Syrien gilt das. Kein einziger Jeside, kein Mandäer, kein Kaka‘i hat sich an irgendeiner terroristischen Tat beteiligt. Da müssen wir unterscheiden und ehrlich sein, wenn wir etwas bewirken wollen. Es ist wichtig, dass die Muslime in meiner Heimat, aber auch in Europa, selbst anfangen kritisch zu denken und zuzugeben, dass es hier ein Problem gibt. Die religiöse Dimension des Problems sollte nicht unter den Teppich gekehrt oder entschuldigt oder gar erhalten werden.

Müller: Welche Unterstützung brauchen die „mukhtars“ – Dorfvorsteher – in den christlichen Dörfern, oder die Pastoren und Priester in ihren Gemeinden? Was können wir tun, damit sie bereit sind, ihre Orte wieder aufzubauen und zu bleiben, weil sie Hoffnung und eine Perspektive haben? Wie können wir Hoffnung vermitteln, ohne Erwartungen zu wecken, die wir nicht erfüllen können?

Youkhana: Zwischen Hoffnungslosigkeit beim Blick auf die Zukunft und der illusorischen Erwartung, dass die UN und die NATO Truppen entsenden werden um die Minderheiten zu schützen, gibt es realistische Perspektiven, an die wir uns halten können. In einigen geomilitärisch wichtigen Fragen sollte es angemessenen internationalen Druck geben, wie z. B. mehr Autonomie für die Ninive-Ebene. Wie ich schon sagte, Krieg ist keine Lösung, aber die UN sollte eine Resolution beschließen und auf einer Grenze bestehen. Die ethnische Politik sollte von den Zahlen aus der Volkszählung von 1957 ausgehen, aus der Zeit vor den ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen. Die damals professionell ermittelten Zahlen sind die zuverlässigsten und beschreiben die ethnische und demographische Lage präzise. Das ist wichtig. Außerdem ist es wichtig, dass die Rechte der Minderheiten in der Gesetzgebung verankert werden und Artikel 140 der Verfassung umgesetzt wird.

Ein Beispiel dazu: Karakosch, eine Stadt mit 50.000 Einwohnern, ist das Rückgrat der Christenheit in der Ninive-Ebene und ganz Irak. Wenn beispielsweise der Vatikan oder ein anderes Land dort ein Büro einrichten würden, nicht unbedingt eine Botschaft, aber ein Generalkonsulat oder ein Konsulat, wäre das eine deutliche Ansage für Bagdad und eine echte Ermutigung für die Region.

Müller: Danke für das Interview. Ich wünsche Ihnen Kraft und Segen für Ihre Aufgaben.


David Müller, Mitarbeiter der ojcos-stiftung, ist politischer Fürsprecher für Religionsfreiheit im Irak. Das Interview entstand im Juli 2018 bei einer seiner Reisen in die Region.

Der komplette Artikel als PDF-Dokument

Bankverbindung

ojcos-stiftung
Evangelische Bank e.G., Kassel
BIC: GENODEF1EK1
IBAN: DE78 5206 0410 000 400 4701
Verwendungszweck: Irak

Mit PayPal spenden