Auswirkungen der Eskalation zwischen USA und Iran auf Christen und Jesiden im Irak

Die Spannungen zwischen dem Iran und der USA eskalierten, als am 31. Dezember 2019 schiitische Milizionäre die US-Botschaft in Bagdad attackierten und, gemeinsam mit vielen Demonstranten, versuchten diese zu stürmen. Am 3. Januar 2020 reagierten die USA mit der Tötung von Qasem Soleimani, Kommandeur der Quds-Einheit, einer Unterabteilung der iranischen Revolutionsgarden, die Spezialeinsätze außerhalb des Iran durchführt, und Abu Mahdi al-Muhandis, Leiter der Iran-orientierten sogenannten Volksmobilisierung (arabisch: „Al-Haschd asch-Scha’bi“) durch einen gezielten US-Drohnenangriff auf dem Gelände des Bagdader Flughafen.

Wir haben unser Netzwerk im Irak um eine aktuelle Einschätzung der Lage gebeten:

Welche Auswirkungen wird die Ermordung Soleimanis auf die Christen im Irak haben?

Weder unsere christlichen noch unsere jesidischen Partner erwarten unmittelbare, konkrete Auswirkungen. Allerdings ist die Angst vor einem Krieg, der im Irak ausgetragen werden könnte, weiter gestiegen.

„Ein Krieg würde weiterhin die Flucht von vielen aus dem Land Richtung Europa, Amerika, Australien und in andere Länder bedeuten. Außerdem würde durch einen solchen Krieg ein Sicherheitsvakuum entstehen, welches extremistischen Kräften wie dem IS aber auch iranischen Milizen erlauben würde, ihren Einfluss in der Ninive-Ebene auszuweiten. Unsere Befürchtung ist, dass unsere historische Heimat vom IS oder iranischen Milizen ein weiteres Mal eingenommen, unsere jahrhundertealten Kirchen und Dörfer zerstört und das zu weiterer Emigration führen würde“, meint Janan Jabar Boya (Erbil), christlicher Abgeordneter im kurdischen Regionalparlament.

Für Christen, die vom Islam konvertiert sind, wird eine weitere Verschlechterung ihrer Sicherheitslage erwartet. Vor allem, wenn sie vorher Schiiten waren oder ursprünglich aus dem Iran kommen, sagt Pastor S., der eine Gemeinde dieser Gläubigen leitet.

Hat sich bereits konkret etwas verändert?

Es wird uns übereinstimmend berichtet, dass es aktuell keine signifikante, konkrete Veränderung in der Region Kurdistan-Irak, Mossul und der Ninive-Ebene gibt. Diese werden eher für Bagdad und den Süden des Landes erwartet.

Was wird über den geplanten Abzug der deutschen Soldaten gedacht?

Generell wird der Abzug ausländischer Soldaten einmütig abgelehnt, da eine Destabilisierung der Gegend und weitere Stärkung der Milizen und des IS befürchtet wird.

„Ich wünsche mir, dass die Bundesrepublik Deutschland ihre Entscheidung, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen überdenkt, zumal die Rolle der deutschen Streitkräfte hauptsächlich eine moderne militärische Ausbildung und die Entwicklung der irakischen Streitkräfte und der Peschmerga war. Diese Fähigkeiten brauchen wir dringend, um das irakische Verteidigungssystem wiederherzustellen. Als christlicher Bevölkerungsteil werden wir die Position der Bundesrepublik Deutschland auf ewig nicht vergessen, vor allem in der Phase des Eindringens des IS in unsere Gebiete und Städte. Der Verlust für uns Christen im Falle eines Rückzugs wäre doppelt“, sagt uns Hoshiar Q. Yalda (Erbil), christlicher Abgeordneter im irakischen Parlament.

Wie können wir in Deutschland euch konkret helfen?

Immer wieder wird uns der Wunsch von politischer Einflussnahme auf die irakische Zentralregierung sowie die kurdische Regionalregierung mitgegeben: Abschaffung des Stammessystems, militärische Präsenz zur Friedenssicherung und Aufmerksamkeit für die Situation der religiösen Minderheiten. Die Menschen sehen sich „zwischen dem Hammer der Korruption und dem Amboss der Milizen“, formuliert Yalda.

„Ich kann nur bestätigen, dass es sehr notwendig ist, auf Veränderungen in der irakischen Regierung zu drängen und die Forderungen des Volkes zu unterstützen“, sagt uns Pater Georges Jahola (Baghdeda), der sich um den Wiederaufbau in der Ninive-Ebene kümmert.

„Wir brauchen Unterstützung für eine unabhängige und demokratische Regierung sowohl in Bagdad als auch in der Region Kurdistan-Irak“, fordert Amer Seido (Baadre), der Bruder des jesidischen Prinzen.

13. Januar 2020, David Müller