Von den Machtzentren zu den Ohnmachtsorten


Eindrücke einer Irakreise im August 2019 von Konstantin Mascher, Vorsitzender der ojcos-stiftung

„Auf was haben wir uns da bloß eingelassen“, schießt es mir durch den Kopf, als der Flieger um 00:49 Uhr in Bagdad zum Landeanflug ansetzt. Anders als bei bisherigen Reisen in den Nahen Osten liegt die komplette Planung in orientalischer Hand. Mit kleinem Gepäck und dem großen Versprechen, Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft zu treffen, treten wir aus dem klimatisierten Flughafengebäude in die 30° heiße Nacht hinaus.

Im Wechselbad der Eindrücke

Noch nie habe ich innerhalb so kurzer Zeit ein solches Wechselbad extremer Eindrücke erlebt: Macht–Ohnmacht, Sicherheit–Bedrohung, Leid–Freude, Hoffnung–Resignation, Dankbarkeit–Frustration, Lebensfreude–Verzweiflung und Wiederaufbau–Zerstörung. In diese Amplituden des Erlebens bringt die jesidische Prinzessin Amed Sido als Reisegefährtin eine gewisse Konstante. Sie lebt seit 20 Jahren in Deutschland und reist regelmäßig in den Irak. Diesmal ist sie für die Hilfsorganisation „Humanitär ohne Grenzen“ im Einsatz. Ich werde außerdem begleitet von David Müller, unserem Politischen Fürsprecher für Religionsfreiheit im Irak.

Vom Machtzentrum …

Der Einstieg ist steil: Unser erster offizieller Termin führt zum Generalsekretär des irakischen Ministerrates. Mitten in der „Green Zone“, bekannt geworden durch den gleichnamigen Hollywood-Actionfilm mit Matt Damon, befindet sich das Regierungsgebäude. Gepanzerte Fahrzeuge und Militär sind abrufbereit um das Areal positioniert. Generalsekretär Hamid Naeem Al-Ghazi empfängt uns freundlich und nimmt nicht nur unser Engagement im Irak zur Kenntnis, sondern bedankt sich ausdrücklich für den politischen Brückenbau unserer Arbeit und das Engagement der deutschen Bundesregierung im Irak. Die Sorge um die Zukunft seines Landes und der Menschen unterstreicht er mit der Bitte um weitere tatkräftige Unterstützung. Wir sichern ihm zu, dieses Anliegen an deutsche Abgeordnete weiterzuleiten. Noch am selben Abend sitzen wir beim schiitischen Ajatollah Hussein Ismail Al-Sadr. Der Imam und Rechtsgelehrte ist auch in Europa bekannt für seine Dialogbereitschaft und seinen Einsatz für Frieden und Versöhnung. Die Militärpräsenz zum Schutz seiner Person spricht eine eigene Sprache, denn seine Position stößt bei vielen Glaubensgenossen auf Widerspruch. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass er unsere Begleiterin – eine Frau und auch noch Jesidin! – in der islamischen Lehrstätte empfängt. Das berührt Amed Sido sehr.

In den darauffolgenden Tagen treffen wir Politiker und Abgeordnete des irakischen und kurdischen Parlaments, unter anderem Khasro Goran aus dem Führungsgremium einer einflussreichen Partei (DPK) in Kurdistan. Trotz Feiertag beordert er sein Personal in die Zentrale, um für uns da zu sein. Als ehemaliger stellvertretender Bürgermeister von Mossul kennt er die spannungsvolle und schwierige Situation aus erster Hand und hat eine differenzierte Sicht auf die Region und auf das Bestreben der kurdischen Regierung, alle religiösen Minderheiten gleichberechtigt am politischen Prozess zu beteiligen. Das gibt uns Hoffnung, auch wenn wir wissen, dass die Realität vor Ort oft ganz anders aussieht.

… zu den Ohnmachtsorten

Von hier geht es zu den Ohnmachtsorten des Landes, den Flüchtlingscamps und Waisenhäusern. In Zakho, ganz im Norden und in Sichtweite der türkischen Grenze, befindet sich eines der ersten Flüchtlingscamps in der Region Kurdistan-Irak, errichtet, als der IS sich auszubreiten begann. Uns empfängt ein jesidischer Stammesfürst, der selbst fliehen musste, unter einfachsten Verhältnissen hier lebt und sich weiterhin für das Wohl von über 50.000 Jesiden verantwortlich fühlt. Viele Jesiden wollen wieder zurück in ihre Heimat ins Sinjargebiet, was sich angesichts der zerstörten Infrastruktur, unzähliger Landminen und der instabilen Gesamtlage nur schwerlich realisieren lässt.

Was können wir in Deutschland für eine sichere und würdevolle Rückkehr der Jesiden in ihre Heimat tun? Was sind wir bereit zu investieren – militärisch, diplomatisch und humanitär? Wenn wir keine tragfähigen Lösungen für diese Fragen finden, wird Europa und unser Land einen nie dagewesenen Zustrom von Flüchtlingen erleben. Frust und Ohnmacht lesen wir in seinem Gesicht, als er uns zu Zelten führt, die vor kurzem abgebrannt sind. Das Camp war für 6 – 12 Monate ausgelegt, jetzt leben dort die 16.000 Geflüchteten schon fünf Jahre. Die Elektronik ist marode, Kurzschlüsse verursachen Brände, die Baracken bieten keinen Schutz vor der Mittagshitze bis 48°. Die Anspannung wächst jeden Tag.

Kinder vom IS indoktriniert

Erschüttert und ermutigt zugleich sind wir vom Besuch in zwei Waisenhäusern. Diesen Kindern hat der IS alles genommen. Ihre Eltern wurden brutal ermordet und sie wurden anschließend von IS-Kämpfern ideologisch indoktriniert. Wie können die Hauseltern und Pädagogen die seelische Verwüstung der Kinder wieder mit Liebe überwinden? Wie lassen sich menschenverachtende Lehren, eingebrannt in die Köpfe und vor allem in die Herzen, mit Gedanken des Friedens und der Liebe überschreiben? Das ist ein wiederkehrendes Thema in unseren Gesprächen. In einem Waisenhaus treffen wir aufgeweckte, lebensfrohe Kinder, die sich gerne mit uns treffen und fasziniert sind vom ARD-Kamerateam, das uns auf dieser Reise begleitet und Interviews aufnimmt. Diese Kinder und ihr Schicksal verfolgen mich bis heute. Hoffentlich kann die Organisation „Humanitär ohne Grenzen“ das Ziel, in den kommenden Monaten ein Kinderheim im Irak aufzubauen, realisieren.

Großzügige Gastfreundschaft

Unsere einheimischen Gastgeber bringen uns meist in Hotels unter. Im Norden des Landes aber, in Ba’adre sind wir Gäste von Amer Seido, dem Bruder der jesidischen Prinzessin. Der IS hat ihm und seiner Familie nahezu alles geraubt, aber das Wenige, was ihnen geblieben ist, teilen sie mit uns: bescheidenen Wohnraum, Tisch, Essen, Geselligkeit und ihr Auto. Oft sitzen wir bis zwei Uhr nachts auf ihrer Terrasse. Wir sind berührt von der Selbstlosigkeit der Gastfreundschaft im Land und merken, dass bei uns in Sachen Willkommenskultur noch viel Luft nach oben ist!

Zerstörung und Wiederaufbau

Amer Seido führt uns in die Städte Ba’ashiqa und Bahzani, die im Januar 2017 nach dem Wüten des IS wie leergefegt waren (siehe Bericht hier). Angesichts der verwüsteten Wohnungen und der Tretminen in den Straßen hätten wir nicht gedacht, dass hier jemals wieder Christen, Muslime und Jesiden in Frieden nebeneinander leben und arbeiten würden. Inzwischen sind 80% der Häuser wieder (vor allem) von Christen und Jesiden bewohnt, viele Geschäfte sind eröffnet worden, die öffentlichen Plätze und sogar der Stadtpark sind wieder belebt. Dank Spenden konnte die ojcos-stiftung hier Kleinunternehmen fördern, die Menschen die Lebensgrundlage sichern.

Auf unser nachdrückliches Bitten fährt uns unser Gastgeber in das 21 Kilometer weiter gelegene Mossul. In dieser historisch bedeutenden Stadt hatte der IS sein Kalifat proklamiert, und hier fand die letzte große Schlacht statt, in der er offiziell besiegt wurde. Die giftige Ideologie wirkt jedoch noch in den Köpfen und Herzen vieler Menschen. Wir fahren im kleinen, unauffälligen Auto bis in die historische Stadtmitte. Die Devise lautet: Nur keine Aufmerksamkeit erregen, Fenster unten lassen und nicht anhalten. Die Stadt ist eine große klaffende Wunde. Nur schleppend kommen die Aufräumarbeiten voran. Aber auch hier ist das Leben wieder in die Straßen zurückgekehrt. Sogar ein Freizeitpark ist an diesem muslimischen Feiertag voller Menschen. Aber Christen und Jesiden trauen sich nicht, zurückzukehren.

Suchet der Stadt Bestes

Täglich stellen wir fest: Die Situation und die Wirklichkeit der Menschen vor Ort ist deutlich facettenreicher und differenzierter als es uns die Nachrichten vermitteln. Medien – selbst kirchliche Nachrichtenagenturen – zeigen meist nur die düsteren und konflikt­beladenen Seiten dieses Landes. Doch man spürt trotz aller Widrigkeiten den Lebens- und Gestaltungswillen der Menschen. Es gibt Orte, die für Christen und andere Minderheiten sicher sind und wo sie eine Zukunft haben. Niemand will seine Heimat freiwillig verlassen. Für den Erhalt und Ausbau dieser Lebensräume gilt es, mit allen Mitteln zu kämpfen. Suchet der Stadt Bestes ist hier keine fromme Floskel, sondern der konkrete humanitäre und politische Imperativ!

Am Abend vor unserem Abflug treffen wir in Erbil christliche Abgeordnete aus dem irakischen und kurdischen Parlament sowie Vertreter christlicher Parteien. Die Vorwürfe gegen die irakische Zentralregierung, ihr sei die Situation der Minderheiten im eigenen Land egal, wiegen schwer. Zum wiederholten Mal hören wir: „Bitte, sorgt für unsere Sicherheit und helft beim Wiederaufbau! Wir wollen hierbleiben!“ Zum Abschluss überreicht uns Minister Ano Abdoka, ein Christ, die eingerahmten Papier-Fragmente einer hundert Jahre alten Bibel, die der IS verbrannt hatte. Dieses Geschenk ist eine Erinnerung und Ermahnung an unser Versprechen, die Botschaft und Bitten der irakischen Minderheiten an Politik, Kirche und Gesellschaft in Deutschland zu übermitteln.

Nach unzähligen Sicherheitschecks steigen wir die Treppe zu unserem Flugzeug hinauf. Mein Blick und meine Gedanken schweifen noch einmal in die dunkle Nacht dieses faszinierenden Landes. Staunend erleben wir, wie sich seit eineinhalb Jahren Türen und Verbindungen zu Entscheidungsträgern in der irakischen und deutschen Politik öffnen und die Botschaft von Frieden, Hoffnung und versöhntem Leben die Herzen hier wie dort erreicht und wirksam wird. So entstehen Brücken, die es in unserer zerklüfteten Welt braucht, damit Hunger, Hass und Hoffnungslosigkeit nicht das letzte Wort haben.

Weitere Eindrücke und Bilder von der Reise hier: https://www.ojcos-stiftung.de/4098/eindrucke-und-begegnungen-im-irak-august-2019/

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