Der IS ist tot. Lang lebe der IS.

Im Rahmen einer Hilfsmission für die Organisation „We Are Christians e.V.“ ist Markus Tozman im Frühjahr 2019 eine Woche durch den Norden des Iraks gereist.

Blick aufs Kloster St Hormuz in Al Qosh

Die Straße auf dem Weg von Bahzani nach Mossul ist gesäumt von neu aufgerichteten Schreinen, die den Imam Hussein porträtieren. Hussein wurde bei der Schlacht in Karbala von den Truppen des Umayyaden Kalif Yazid im Jahre 680 zusammen mit seinem sechs Monate altem Sohn Ali al-Asghar ermordet. Er gilt als Symbol des Widerstandes gegen Unterdrückung durch Tyrannen und wird vor allem von den Schiiten verehrt. Flaggen schiitischer Milizen wehen an Straßenkreuzungen und auf Häusern. Die Schabak, eine ethnische Minderheit, die dem Schiitentum zugerechnet wird, sind in den zerstörten Ortschaften herum angesiedelt worden.

Ein Geistlicher begleitet uns. Auf dem Weg in die Stadt nimmt er seine christlichen Insignien ab, knöpft seine Jacke zu, damit man seine Kutte nicht sieht. „Ich war das letzte Mal vor 15 Jahren in der Stadt“ sagte er. „Vor 10 Jahren wurde ein Kollege von mir auf dieser Straße aus seinem Auto gezerrt und hingerichtet“. Bedrückung macht sich breit.

Der Kameramann versteckt seine Ausrüstung und darf das Auto nicht verlassen. Keine Aufmerksamkeit erregen, lautet die Devise. Der Checkpoint am Eingang zur Stadt winkt uns durch. Irakische Spezialeinheiten in schwarzer Kluft sind überall stationiert und patrouillieren durch die Stadt. Mit amerikanischen Sturmgewehren ausgerüstet trägt jeder von ihnen acht Magazine am Körper, das entspricht mehr als 250 Schuss. Auch Handgranaten sind sichtbar an ihren Westen montiert. Die Spezialeinheiten setzen sich seit der US-Invasion 2003 und der anschließenden Auflösung der irakischen Armee hauptsächlich aus Schiiten zusammen.

Das Bild in der Stadt mutet skurril an. Wenn man nicht von dem Krieg wüsste, der dort gewütet hat, würde man meinen, er hätte nie stattgefunden. Das Gedränge auf den Straßen ist dem in anderen Großstädten im Nahen Osten gleich. Ein Geschäft reiht sich an das nächste, man quält sich mit seinem Auto durch den Stau, weiter in die Stadt hinein. Einige zerstörte Gebäude auf dem Universitätsgelände und außerhalb erinnern daran, welcher Schrecken in diese Stadt eingezogen war. Wir sehen auf Abstand die Ruinen des Mor Girgis Klosters, das vom IS zerstört wurde. Obwohl wir das Westufer des Tigris nicht besucht haben, scheint Normalität in die Stadt eingekehrt zu sein.

Das Kloster Mor Mattai gleicht einer Trutzburg hoch oben im Berg

Gesellschaftlicher Kitt zerstört

Dass der Schein trügt, wurde uns auf dem Weg in die Stadt schon bewusst. „Hier lebten vor 2014 keine Schiiten. Nachdem die Dörfer der Sunniten und Christen zerstört wurden, wurden hier Schabak angesiedelt“, erklärte uns unser Fahrer. Der IS genoss anfänglich einen starken Rückhalt in der sunnitischen Bevölkerung. Seit dem Sturz Saddams, der u.a. die Schiiten massiv diskriminierte, hat die Regierung das Blatt gewendet und die Sunniten gegen sich aufgebracht. Sektierertum ist zur bestimmenden Politik im Irak geworden, die Schiiten haben das Blatt fest in ihrer Hand. An einen Schulterschluss mit den Sunniten ist nicht zu denken. Entweder weil die Regierung selbst kein Interesse daran hat oder weil es den fremden Mächten, die starken Einfluss auf das Land haben, allen voran Saudi Arabien und Iran, nicht dienlich ist.

So durften wir beobachten wie in der Ninive-Ebene Social Engineering betrieben wird. Eine Zwei-Millionen Stadt, die hauptsächlich aus Sunniten besteht, wird kontrolliert von Schiitischen Spezialeinheiten. Keiner kommt hinein oder hinaus aus der Stadt ohne die Zustimmung der Soldaten. Die Dörfer um Mossul herum wurden in ihrer Demographie bereits angepasst. Das gilt längst nicht nur für die Sunniten. In Tel Skof, einem ursprünglich christlichen Dorf, wurden Shabak angesiedelt. Keine christliche Familie verbleibt in dem Dorf. In Bartella, einem einst ebenfalls rein christlichen Dorf mit seinen ursprünglich 2000 Familien leben nach der Rückkehr einiger Einwohner nur noch 700 christliche Familien in der Stadt. Ihnen gegenüber stehen 1000 Schabak-Familien, die die Eingänge zur Stadt kontrollieren und die Sicherheitskräfte stellen.

Geschichte wiederholt sich

Die Osmanen haben während des ersten Weltkrieges meisterhaft gezeigt, wie man demographische Realitäten schaffen kann. Von einst 20 bis 25% Christen im heutigen Staatsgebiet der Türkei sind nach dem Ethnozid an den christlichen Minderheiten heute noch ganze 0,15% der Einwohner im Land christlich. Die christliche Präsenz wurde innerhalb weniger Jahre vernichtet. Die wenigen Armenier, Griechen und aramäischsprachigen Christen, die geblieben sind, insgesamt weniger als 120.000 Menschen, werden gesellschaftlich nicht mehr wahrgenommen und leben in Angst vor ihren Mitbürgern und dem Staat.

Dasselbe Trauerspiel sollte sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder in den Ländern des Nahen Ostens wiederholen. Die Griechen in Ägypten, die Juden in Syrien und im Irak und seit 2003 auch die Christen im Irak. Homogenisierung wird nicht nur als vertretbare Politik wahrgenommen, sondern scheint zur Maxime zu avancieren. Die irakische Regierung und das iranische Regime wollen kein Risiko in der Ninive-Ebene eingehen. Fakten sollen geschaffen werden, dann können Gespräche folgen.

Die entstellte Büste des Syrisch Orthodoxen Patriarchen Mar Yakub III in Bartella

„Wir werden niemals zurückkehren”

Die 2000-jährige Geschichte des Christentums in Mossul hat 2014 ihr jähes Ende gefunden. Die Kirchen liegen in Schutt und Asche. Der Hass, der sich dabei entlud, verschlägt einem die Sprache. Die syrisch-orthodoxe Kathedrale Mor Afrem wurde nicht nur zerstört, der IS hat unter dem Altar noch ein metertiefes Loch gegraben, um den heiligsten Ort des Gotteshauses noch einmal besonders zu schänden.

Wir trafen mehrere christliche Familien in Dohuk, die 2014 aus Mossul geflohen waren. Obwohl viele von ihnen noch immer ihre Besitztümer in der Stadt haben, ist an eine Rückkehr nicht zu denken. „30 Jahre lang habe ich meine Nachbarn als meine Freunde bezeichnet. Nachdem der IS die Stadt erobert hatte, kam mein Nachbar zu mir und beschimpfte mich als Ungläubigen. Er sagte: Dein Haus gehört nun mir. War die gute Nachbarschaft davor nur gespielt? Wie kann ich von einem auf den anderen Moment meine menschliche Würde in seinen Augen komplett verloren haben? Ich werde niemals zurückkehren in diese Stadt. Wie könnte ich jemals wieder Vertrauen in die Menschen um mich herum fassen?“ Als wir durch die Stadt fuhren, wies der Fahrer auf ein verwaistes christliches Haus hin. Der Stempel mit dem arabischen Buchstaben „N“, der zur Enteignung der christlichen Wohnungen auf Häuserwände geschmiert wurde, war inzwischen übermalt.

Widerstand

Dabei macht sich bei den Christen das Gefühl der Hilflosigkeit breit. Die Zentralregierung sei nicht gewillt, den Minderheiten zu helfen. Die Kurden, selbst wenn sie wollten, nicht in der Lage dazu. Der Rückzug der Peschmerga aus einigen Gebieten in der Ninive Ebene als Folge des Unabhängigkeitsreferendums im November 2017 hat speziell bei den Christen für große Verunsicherung gesorgt. „Wir wissen nicht einmal, wer hier momentan das Sagen hat, geschweige denn, wer es in einem Jahr haben wird. Kein Mensch investiert in den Wiederaufbau, wir erhalten keine Kredite aufgrund der Unsicherheit und haben keinerlei Perspektiven. Seit 2014 dauert dieser Zustand nun an. Wir können unsere eigene Sicherheit nicht gewährleisten und müssen ausharren. Gott stehe uns bei“, so ein Priester aus Bartella.

Dass es anders gehen kann, hat das letzte armenischsprachige Dorf Hawresk im Norden von Mossul eindrucksvoll bewiesen. Der dortige Bürgermeister, ehemaliges Mitglied irakischer Spezialeinheiten, hat eine Bürgerwehr aus Christen und kurdischen Nachbarn aufgestellt, die zwei Jahre lang IS-Angriffe abgewehrt hat. Dabei standen ihm nur alte Gewehre zur Verfügung. „Ich habe getan, was ich tun musste und werde dafür am Tag des Jüngsten Gerichts Rechenschaft ablegen müssen. Aber ich hatte die Pflicht, Frauen und Kindern vor diesen Geisteskranken zu beschützen“, sagte er im Gespräch. Nur drei Kilometer war die Frontlinie von seinem Dorf entfernt. „Wir haben nicht viele Perspektiven, aber dafür eine starke Gemeinschaft. Unser Vertrauen in Gott ist ungebrochen. Allerdings wäre ein wenig Hilfe aus dem Ausland sehr willkommen. Deutschland hat die Osmanen während des ersten Weltkrieges bei ihrem Genozid gegen die Armenier unterstützt, jetzt wäre doch ein guter Moment uns vor einer erneuten Auslöschung zu bewahren“.

Der Blick vom Kloster St. Hormuz in Al Qosh

Christliche Milizen zersplittert

Dass die Christen im Irak der Politik hoffnungslos ausgeliefert sind, geht indes auch auf ihr eigenes Zutun zurück. Während der Befreiung der Ninive-Ebene gab es fünf verschiedene christliche Milizen, die entweder mit Bagdad, Erbil, den Iranern oder niemandem verbündet waren. Bei der Befreiung der Stadt Qaraqosh stand die christliche Miliz Nineveh Plain Forces an der Seite der irakischen Spezialkräfte. Sie mussten sich selbst mit alten Kalaschnikows ausrüsten und ihren Unterhalt finanzieren. Dabei hatten sie weder schweres Gerät noch Unterstützung von anderen Gruppen. Es gleicht einem Wunder, dass von den mehr als 400 Mitgliedern der Truppe niemand als Kanonenfutter verendet ist.

So werden die christlichen Milizen weiterhin von den im Irak um Vorherrschaft streitenden Gruppen gegeneinander ausgespielt. An effektiven Selbstschutz ist nicht zu denken. Entsprechend wurden überall dieselben Forderungen gestellt. „Wenn die internationale Gemeinschaft ein Interesse daran hat, dass die Christen oder Yeziden wieder in die Ninive-Ebene zurückkehren und deren Präsenz nicht ausgelöscht wird, dann müssen sich die USA und EU hier Einsetzen und Druck auf die Zentralregierung sowie die Kurden ausüben. Es müssen gemeinsame Polizei- und Sicherheitskräfte ausgebildet werden mit Mitgliedern aller religiösen und ethnischen Gruppen. Die verschiedenen Milizen müssen entwaffnet und aufgelöst werden“, so der chaldäische Bischof Warda. Andere fordern gar den Einsatz internationaler Truppen in der Ninive-Ebene.

Die Gewaltspirale wird sich fortsetzen

Ohne den Druck der ausländischen Geldgeber und Unterstützer wird sich tatsächlich nichts in dem Land verändern können. Dafür sind die demographischen Fakten, die momentan in der Ninive-Ebene geschaffen werden, zu schwerwiegend. 2006 wütete Al Qaeda und brachte das Land an den Rande des Zusammenbruchs. 2014 wiederholte sich das Geschehen, dieses Mal unter der Flagge des IS. Keine der Hauptkonfliktparteien scheint aus der Geschichte gelernt zu haben. Ohne den Zwang zu einer friedvollen Lösung des Schiiten-Sunniten Konflikts im Irak, sind nicht nur die Minderheiten im Land mittelfristig dem Untergang geweiht. Es wird nur eine Frage weniger Jahre sein, bevor der nächste blutige Bürgerkrieg unter der Flagge einer anderen Terrororganisation ausbrechen wird.

Markus Tozman ist zweiter Vorsitzender des Hilfwerks „WeAreChristians – Aramaic Charity Organization e.V.“. Die hier beschriebenen Beobachtungen spiegeln seine Einschätzung wider und sind keine offizielle Stellungnahme des Vereins bzw. der ojcos-stiftung.