Das irakische Institut für religiöse Vielfalt bekämpft Stereotypen und Hassreden

Das „Institute for the Study of Religious Diversity“ will den Diskurs im Land über religiöse Minderheiten durch Lehrpläne zu verändern, die von diesen entworfen wurden.

Leiter aus verschiedenen Glaubensrichtungen treffen sich, um das „Institute for the Study of Religious Diversity“ zu gründen.

An einem heißen Sommertag in Bagdad versammelte sich eine Gruppe von Akademikern, Bürgerrechtlern, Geistlichen und Führern der verschiedenen religiösen Gruppen des Irak, um das „Institute for the Study of Religious Diversity“ zu gründen. Das erste seiner Art im Nahen Osten.

Die in Bagdad ansässige gemeinnützige Organisation Masarat, die sich auf Minderheiten, Studien zur kollektiven Erinnerung (Collective Memory Studies) und interreligiösen Dialog konzentriert, hat das neue Institut in Zusammenarbeit mit einer Reihe von Universitäten und Bürgerrechtsgruppen am 2. Juli 2019 gegründet. Masarat hat zahlreiche Bücher über irakische Minderheiten veröffentlicht und internationale Preise für seine Förderung der Bürgerrechte erhalten.

Vertreter religiöser Minderheiten bezeichneten den Start des Instituts als „historischen Schritt“. Das Institut wird ein Pionier in der Region sein und Muslimen die Lehren verschiedener Minderheitsreligionen, einschließlich des Mandäismus, Jesidentum, Bahaismus und Christentum, vermitteln.

„Es war mir eine Freude, dass die erste konstituierende Konferenz des Instituts in Bagdad stattfand, der Stadt der Religionen, der Vielfalt und des friedlichen Zusammenlebens“, sagte Sheikh Amer al-Nimrawi, ein sunnitischer Geistlicher und Präsident der Versammlung der gemäßigten Wissenschaftler des Irak. „Dieses Treffen stellt das Mosaik der ethnischen und religiösen Gruppen des Irak dar. Möge Gott uns allen helfen und unsere Hände zum Wohle der ganzen Menschheit einsetzen.“

Das Institut wird die Führer verschiedener Religionen zusammenbringen und auch mit Akademikern und religiösen Führern zusammenarbeiten, um Lehrpläne für muslimische Geistliche zu entwickeln und zu unterrichten, die ihnen helfen, ihre Predigten und den breiteren islamischen Diskurs über die Vielfalt im Irak anzupassen. Das ultimative Ziel ist die Bekämpfung von Radikalismus und Hassreden gegen Minderheiten.

„Indem das Institut Muslimen das Christentum und andere Religionen lehrt, trägt es zum Kampf gegen Sektierertum und die allgemeine Ignoranz anderen gegenüber bei“, sagte Kardinal Louis Raphael I. Sako, das Oberhaupt der Chaldäischen Katholischen Kirche. „Diese Erfahrung verdient Unterstützung, da sie auch die Erstellung der religiösen Lehrpläne durch ihre Anhänger und deren Vermittlung beinhaltet.“ Der Kardinal schrieb den christlichen Lehrplan des Instituts.

Für Hasso Hormi, Leiter der Jesiden-Stiftung in den Niederlanden, stellt das Institut eine Gelegenheit dar, muslimische Geistliche über das Jesidentum aufzuklären und die weit verbreiteten Missverständnisse zu bekämpfen, die 2014 zu Massakern durch den „Islamischen Staat“ (IS) führten.

„Es ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass wir die Möglichkeit haben, die Religion der Jesiden anderen, insbesondere muslimischen Geistlichen, nach einem von den Jesiden selbst erstellten Lehrplan beizubringen“, sagte Hormi. „Was in diesem Saal passiert, ist für uns ein historischer Moment. Seit Jahrzehnten leiden wir unter Stereotypen und Vorurteilen, die von den Medien, Intellektuellen und irrationalen Regierungspolitiken gefördert werden.“

Er fuhr fort: „Wir wurden wegen solcher negativen Stereotypen sehr diskriminiert. In der gesamten Geschichte unserer Präsenz im Irak waren wir Opfer von 74 Völkermord-Kampagnen, von denen die letzte die Verbrechen des IS waren.“

Hormi glaubt, dass sich die Gesellschaft ändern muss, und dieser Wandel kann in Schulen und Gotteshäusern beginnen.

„Wir, als Jesiden, setzen auf die Arbeit dieses Instituts durch den aufrichtigen Willen, die Standhaftigkeit und die rationale Politik seiner Gründer, um den Wandel zu erreichen“, sagte er. „Ein paar Jahre später könnten wir eine neue Generation sehen, die völlig anders ist und der Kern einer reichen, vielfältigen und mächtigen Gesellschaft sein wird, die in der Lage ist, [gesellschaftliche] Herausforderungen zu bewältigen.“

Khalil Jundi, ein internationaler Experte für jesidische Angelegenheiten und Vertreter der irakischen Botschaft auf den Philippinen, hat den jesidischen Lehrplan verfasst.

„Ich habe einen Lehrplan über die Religion der Jesiden entwickelt, der mich 30 Jahre gekostet hat, um ihn auf der Grundlage der mündlichen Tradition der Jesiden zu schreiben“, sagte Jundi. „Wenn dies muslimischen Klerikern beigebracht wird, wird es die Köpfe der neuen Generationen befreien.“

Die Minderheiten im Irak haben inmitten mangelnder Sicherheit, zunehmender Gewalt, terroristischer Anschläge und radikaler Reden harte Zeiten erlebt. Seit der von den USA geführten Invasion im Irak im Jahr 2003 ist die christliche Gemeinschaft um 83% von rund 1,5 Millionen auf nur noch 250.000 zurückgegangen. Im Jahr 2014 vertrieb der IS 125.000 Christen aus ihren historischen Heimatgebieten in der Ninive-Ebene und Mosul. Andere Formen der Gewalt zwangen die Mandäer zur Flucht aus Bagdad und den südirakischen Gouvernoraten und ließen rund 10.000 Mandäer im Geburtsort ihrer Religion zurück.

Da fast 7.000 jesidische Frauen von IS-Kämpfern versklavt und brutal behandelt wurden, sind auch die Frauenrechte Teil der Interessen des Instituts.

Nadia Fadhel Maghamiss, Direktorin des Regierungsbüros für die Stiftung der Mandäer im Irak und Gleichstellungsbeauftragte des Instituts, sagte: „Das Institut ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit unter Frauen, Geistlichen und Experten, die den interreligiösen Dialog zu einem Feld für die Diskussion über die Gleichstellung der Geschlechter gemacht haben und eine Möglichkeit bieten, den Status von Frauen aus der Perspektive der vorherrschenden Religionen zu fördern“. Sie sagte, dass das Institut Studien und Lehrpläne erstellen wird, um dieses Vorhaben zu fördern, da Frauen die am stärksten marginalisierte Gruppe in den verschiedenen religiösen Traditionen sind und die ersten Opfer des Völkermords an den Jesiden waren.

Das irakische Recht hat auch die Baha’i marginalisiert, die in der Verfassung von 2005 nicht als religiöse Minderheit anerkannt wurden. Die Regierung nach 2003 tat nichts, um das Gesetz Nr. 105 von 1970 zu beseitigen, das alle Aktivitäten der Baha’i im Irak verbot. Das Institut möchte die Situation der Baha’i aufzeigen, deren Anhänger ihren Zivilstand nicht ändern können, um Ausweise zu erhalten, die ihren Baha’i-Glauben zeigen.

Juden, die einst ein Drittel der Bevölkerung Bagdads ausmachten, gibt es in der Stadt praktisch nicht. Das Institut will inoffizielle Bemühungen unterstützen, Brücken zwischen irakischen Jugendlichen und ihren jüdischen Landsleuten zu bauen, um ein 2.700-jähriges jüdisches Erbe in Mesopotamien wiederzubeleben.

Joseph Braude, ein Experte am Washington Institute und einer der Gründungsmitglieder des Instituts, sagte: „Wir sind nicht die einzigen, die bestätigen, dass Vielfalt eine Quelle der Energie und Stärke sein kann. Aber in der heutigen arabisch-sprechenden Welt – wo einige der unterschiedlichsten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte zusehend monolithisch werden – sind wir in der Tat eine sehr seltene Organisation.“

Braude, dessen Mutter eine irakische Jüdin ist, fuhr fort: „Was uns selten macht, ist, dass wir nicht nur das Problem einer verlorenen Vielfalt diagnostizieren, sondern auch etwas dagegen tun wollen.“

Hormi glaubt, dass das Institut eine Vorreiterfunktion bei der Beseitigung negativer Stereotypen unterschiedlicher Religionen einnehmen wird und dabei hilft, eine ausgewogenere Sicht auf religiöse Minderheiten zu entwickeln. Solche Ziele werden durch die adäquate Förderung führender Geistlicher und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit im Irak für die schädlichen Auswirkungen von Hassreden erreicht.

„Wir sind motiviert von Liebe und Sorge um die Zukunft dieser Region und vereint in der Entschlossenheit, die Prinzipien von Toleranz und Mitgefühl zu bewahren und wiederherzustellen“, fügte Braude hinzu. „Die Herausforderung, die wir gewählt haben, ist eine harte Herausforderung. Aber ich weiß, dass wir gemeinsam und mit Gottes Hilfe erfolgreich sein werden.“

Autor: Gilgamesh Nabeel
Veröffentlichung mit der freundlichen Erlaubnis von Al-Monitor.