Gibt es eine Zukunft für Christen und religiöse Minderheiten im Irak?

Eine Situationsbeschreibung von Dr. Philipp W. Hildmann und David Müller

„Wir sind sehr dankbar für all die humanitäre Hilfe, die wir bekommen. Um in den Irak zurückzukehren bzw. dort zu bleiben, brauchen wir aber Sicherheit und Arbeitsmöglichkeiten. Wer kümmert sich denn um eine Zukunft für Christen, Jesiden und religiöse Minderheiten im Irak?“ Dieser Satz begegnet uns bei unserer gemeinsamen Reise in den Nord-Irak im Herbst 2018 immer wieder.

Das Kloster Mar Mattei

Die heutige Ninive-Ebene hat eine jahrtausendalte Tradition: Bereits auf den ersten Seiten wird in der Bibel über die Gründung der Stadt Ninive durch Nimrod berichtet. Vor über 5000 Jahren war hier die mesopotamische Hochkultur zuhause. Vor ca. 2500 Jahren führten die Aktivitäten des Propheten Jona dort zu einer Erneuerung des Glaubens. In Alqosh lebte außerdem der alttestamentliche Prophet Nahum, dessen Grab noch heute besucht werden kann. 363 n. Chr. wurde Mar Mattei erbaut, das heute noch eines der ältesten existierenden christlichen Klöster der Welt ist. Trotz Eroberung des Landes im 7. Jahrhundert nach Christus durch Muslime, sind hier die Mehrheit der Bewohner nach wie vor Christen und Jesiden.

Wie die Sintflut waren die Todesschwadrone der Terrormiliz „Islamischer Staat“ 2014 über diese Weltgegend hereingebrochen und hatten unvorstellbare Gräueltaten an all denjenigen verübt, die nicht bereit waren, sich ihrer radikalen Auslegung des Islam zu beugen. Für Angehörige der uralten Glaubensgemeinschaft der Jesiden, deren Wurzeln hinter das 12. Jahrhundert zurückreichen, gab es als vermeintliche Teufelsanbeter grundsätzlich kein Pardon. In wenigen Wochen fielen den Islamisten über 5.000 Männer und Jungen zum Opfer. Über 400.000 Jesiden wurden aus ihrer Heimat vertrieben, mehr als 7.000 ihrer Frauen und Kinder wurden verschleppt und sind zum Teil bis heute verschollen. Auch den Christen erging es wenig besser. Mit grüner Farbe wurden ihre Häuser systematisch von muslimischen Nachbarn für die heranrückenden IS-Milizen markiert. Die Zeichen besagten: „Hier wohnen Christen. Plündern und Vergewaltigen erwünscht.“ Wer fliehen konnte, der floh. Wer es nicht schaffte, erlitt genau dieses Schicksal und wurde nicht selten ermordet. Von den knapp 60.000 Einwohnern al-Hamdaniyas, der einstmals größten christlichen Stadt des Landes, überlebten gerade einmal 80 Christen die IS-Besatzung in der Stadt. Der Rest war geflohen oder ermordet.

Bei unserer Reise treffen wir viele unterschiedliche Menschen: Erzbischöfe, Parlamentsabgeordnete, Mitarbeiter aus Ministerien und Hilfswerken, Bürgermeister, lokale Priester, Unternehmer und viele ganz normale Menschen. Sie bringen uns große Offenheit, Wertschätzung und Dankbarkeit entgegen, dass wir in ihr Land kommen und uns ein eigenes Bild vor Ort mache. Es gibt eine große Vielzahl an humanitärer Hilfe, aber nur wenige setzen sich für eine langfristig-politische Perspektive für die Christen und religiösen Minderheiten ein

Der Wiederaufbau von Infrastruktur ohne Sicherheit für das (Über-)Leben ist jedoch keine echte Perspektive. Die Christen und religiösen Minderheiten befürchten, erneut Opfer von innermuslimischen Auseinandersetzungen zu werden. Der schiitische Iran übt einen großen Einfluss aus, Saudi-Arabien unterstützt die Sunniten und die Türkei bekämpft im Norden immer wieder die Kurden. Auch wenn der IS formell besiegt ist, so ist doch dessen Denken in vielen Regionen noch weit verbreitet. Die Unruhen im Süden Iraks, die am Ende unserer Reise ausgebrochen sind, zeigen, wie schnell die Situation eskalieren kann. Es herrscht die große Angst vor einem erneuten Erstarken von muslimischen Extremisten, die ganz schnell wieder zum Kampf aufrufen könnten. Dann würde sich alles wiederholen.

In Bashiqa etwa, einer kleinen Stadt nahe Mossul, haben die dortigen Christen ihre verwüstete Kirche selbst wieder aufgebaut. Bruder Daniel zeigt uns die zahlreichen Einschusslöcher über seinem Altarraum, in den Kreuzornamenten und Gedenktafeln, die man zur Erinnerung für und Mahnung an die Nachkommenden belassen habe, wie er erklärt. Obwohl der IS die Olivenhaine rund um den Ort abgebrannt habe, um die Lebensgrundlage der Menschen dauerhaft zu zerstören, seien bis heute schon zwei Drittel der Familien wieder zurückgekehrt. Das Zusammenleben von Christen, Jesiden und Muslimen sei allerdings extrem schwierig geworden. Nach dem Erlebten sei es nahezu unmöglich, neues Vertrauen aufzubauen.

Diese Gedanken begegnen uns auch einige Kilometer weiter in al-Hamdaniya. Wir stehen in der ausgebrannten Kirche Al-Tahira Al-Kubra, deren Bilder um die Welt gingen und traurige Berühmtheit erlangt haben. Die Innenwände ragen noch immer schwarz verrußt in die Höhe. Sie sind von Einschusslöchern übersäht. Aber auch hier haben Renovierungsarbeiten begonnen. Hammerschläge hallen durch das Kirchenschiff. Am Altar leuchtet ein frisch geputztes Tabernakel fast unwirklich aus der umliegenden Asche. Nach der Befreiung im Oktober 2016 sind inzwischen rund 21.000 Flüchtlinge wieder in ihre zerstörte Stadt zurückgekehrt. Der physische Wiederaufbau hat begonnen. Aber auch hier liegen die Wunden tiefer. Bruder Amar empfängt uns im angrenzenden Bischofssitz. Wie tief die Zäsur der IS-Herrschaft ist, verdeutlicht er uns am Beispiel seines Vaters. Dieser habe sein Leben lang als Lehrer in den überwiegend muslimischen Dörfern gearbeitet. Ab 2014 habe er erleben müssen, dass seine eigenen Schüler sich zunehmend gegen ihn, den christlichen Lehrer, gewandt und einige von ihnen sogar Führungspositionen bei der IS-Terrormiliz übernommen hätten. Hier wie andernorts ist es die offensichtlich mangelnde Bereitschaft der Muslime, sich zu begangenem oder zugelassenem Unrecht zu bekennen, was einen Aussöhnungsprozess in den Augen der Christen massiv behindert. „Es wird viel Zeit brauchen“, meint Bruder Amar mit einem tiefen Seufzer, „diese Probleme zu lösen.“

Bedrückt brechen wir auf. Halten in der Ruinenstadt aber noch beim Zuckerbäcker von al-Hamdaniya. Früher hat er zahllose Torten gebacken für alle christlichen Feste in dieser pulsierenden Stadt. Dann hat der IS bei seinem Einmarsch alles zerstört. Jetzt bäckt er wieder. In einem kleinen, provisorischen Hinterhofladen. Kekse und Torten türmen sich. Taufen, Hochzeiten, man sieht die Aufschriften auf den liebevoll gestalteten Süßwaren. Der Zuckerbäcker von al-Hamdaniya. Ein süßes Zeichen der Hoffnung.

Der Ortsvorsteher des christlichen Dorfes Baqofa, das erstmalig im 7. Jh. n. Chr. erwähnt wurde. Welche Perspektive soll er seinen Mitbürgern vermitteln?

Der Alltag der Christen im Land ist nach wie vor von großer Perspektivlosigkeit geprägt. Während einerseits viele Vertriebene zurück in ihre jahrtausendalte Heimat wollen, erleben die Zurückgekehrten eine dramatisch schlechte Situation. Die Internationale Organisation für Migration berichtet in ihrem Report vom 28. Februar 2019, dass es im Irak „nur noch“ 1,75 Millionen Binnenvertriebene gäbe. Doch verlangsame sich die Rückkehr, da man vor Ort folgenden signifikanten Herausforderungen gegenüberstehe: Mangelnder Zugang zu Beschäftigung und Möglichkeiten, den eignen Lebensunterhalt zu sichern, gefolgt von der fehlenden Möglichkeit, die erlittenen Menschenrechtsverletzungen aufzuarbeiten sowie der Mangel an Sicherheit und Bewegungsfreiheit.

Es vereinfacht die Situation auch nicht, dass sich viele Fragen der ethnischen Minderheiten mit der Situation der religiösen Minderheiten überschneiden. Armenische oder assyrische Volksgruppen beispielsweise gehören gleichzeitig auch zur christlichen Minderheit. Erschwerend kommt hinzu, dass diese verschiedenen Kirchen angehören, wie z.B. der chaldäisch-katholischen Kirche, der assyrischen Kirche des Ostens, der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien, der syrisch-katholischen Kirche, der armenischen apostolischen Kirche oder der armenisch-katholischen Kirche sowie jüngeren evangelisch geprägten Gemeinden.

In der Stadt Dohuk außerhalb der zerstörten Gebiete treffen wir den Direktor der christlichen Hilfsorganisation CAPNI, Emanuel Youkhana. Er organisiert Programme zum Wiederaufbau zerstörter Dörfer, Existenzgründungen, Gesundheitsprojekte und vieles mehr. Ein beeindruckender Fels der Zuversicht. Auch wenn die Zahl der Christen in den letzten Jahren auf nur noch drei Prozent der Gesamtbevölkerung zurückgegangen sei, meint er, seien gerade die Christen für den Irak von immenser Bedeutung. Das Christentum existiere hier seit fast 2000 Jahren und habe in dieser ganzen Zeit einen gesellschaftlichen Mehrwert geliefert. In Zukunft würden wir Christen nun noch mehr gebraucht. „Während viele andere Mauern bauen, kann die Kirche Brücken bauen. Während viele Hass predigen, kann die Kirche Frieden und Liebe predigen.“ Trotz ihrer geringen Zahl müssten die Christen in der Gesellschaft deshalb wieder präsenter werden. Vor dem Krieg hätten sie die besten Schulen und die besten Krankenhäuser angeboten – und zwar für alle, nicht nur für Christen. Diese Institutionen müssten nun wiederaufgebaut werden. „Wir haben viel zu tun und viel zu geben. Wir sind Kinder der Hoffnung!“

Auf der Suche nach Antworten, wie eine langfristige Hilfe aussehen könnte, treffen wir auch verschiedene Parlamentsabgeordnete. Wir fragen immer wieder, wie denn ein sinnvoller Einsatz aussehen müsse, der die territoriale Integrität sowie die politische Selbständigkeit des Irak nicht verletze. Trotz, oder gerade wegen der erlittenen Verfolgung und Diskriminierung ist es für die Christen wichtig, ihre Symbolik auch in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Davon zeugt das demonstrative Aufrichten von Kreuzen, die Wiederherstellung von Kirchen und die öffentliche Durchführung von Gottesdiensten. Deshalb ist die Unterstützung dafür richtig und auch stark vorhanden. Außerdem spielen die aktuellen Lehrpläne ein wichtige Rolle: Die Zeit der Hochkulturen Mesopotamiens, in der auch die christlichen Kirchen ihre Wurzeln haben, wird komplett ignoriert. Die Geschichte Iraks beginnt in den Schulbüchern erst mit dem Auftreten des Islams lange später. Ein irakischer Schüler bekommt während seiner Schullaufbahn kein einziges Wort über Christen, Juden, Jesiden oder Mandäer zu hören. Auch wir Europäer nehmen den Irak meist als muslimisches Land wahr und haben diese ursprünglichen Wurzeln vergessen. Wir müssen deshalb im Irak und bei uns dafür sorgen, dass diese historischen Tatsachen wieder wahrnehmbar vermittelt werden.

Außerdem gibt es noch viele Menschenrechtsverletzungen, gegen die wir nachdrücklicher das Wort erheben müssen. Hier ein paar Beispiele:

  • Islamisierung von Minderjährigen: Ist ein Elternteil Muslim oder konvertiert zum muslimischen Glauben, werden die minderjährigen Kinder automatisch Muslime. Eine freie Wahl ab der Volljährigkeit, die auch kein Widerspruch zur Scharia wäre, wird vom Staat abgelehnt.
  • In vielen Orten in der Region Kurdistan-Irak erleiden Christen keine Verfolgung. Doch das Rechtssystem behandelt sie überwiegend als Menschen zweiter Klasse.
  • In der Verfassung werden die verschiedenen Minderheiten nur teilweise anerkannt.
  • Eine Strafverfolgung von ehemaligen IS-Mitgliedern findet nur schleppend statt.
Was tun wir für eine friedliche Zukunft der religiösen Minderheiten im Irak?

Der Irak befindet sich in einer kritischen Übergangsphase. Die Regierung ist schwach, und die verschiedenen Anti-IS-Kämpfer versuchen nun, ihre eigene Machtstellung auszubauen. Auch die verschiedenen Bevölkerungsgruppen fordern primär ihre eigenen Rechte ein. Das zerstörte Vertrauen untereinander führt zu einer großen Zerrissenheit und oft mehr Gegen- als Miteinander. Es ist jetzt wichtig, die Voraussetzungen für den Wiederaufbau des Landes und die Rückkehr der Zivilbevölkerung in die teils stark zerstörten Städte zu schaffen. Es wird viel humanitäre Hilfe geleistet, die jedoch den aktuell benötigten Bedarf nicht deckt. Die Unterstützung der irakischen Verwaltung und der Sicherheitskräfte ist noch sehr ausbaufähig und benötigt starke Partner.

Geflüchtete im Aus- und Inland sowie die Bewohner der zerstörten Gebiete brauchen nun sichtbare Zeichen der Anteilnahme und konkreten Unterstützung. Sollte es in naher Zukunft nicht gelingen, das Land zu stabilisieren, die Sicherheitslage und das Sicherheitsgefühl zu verbessern, Infrastruktur und Arbeitsplätze zu schaffen, werden weitere Flüchtlingsströme Richtung Westen aufbrechen – mit verheerenden Folgen für die Region und einer unausweichlichen Verschärfung der Situation in Deutschland und Europa. Das daraus wachsende neuerliche Elend sollten wir nicht tatenlos abwarten!

Dr. Philipp W. Hildmann ist seit 2018 Leiter Strategieentwicklung und Grundsatzfragen der Hanns-Seidel-Stiftung in München, die weltweit im Auftrag von Demokratie, Frieden und Entwicklung tätig ist. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und der Evangelischen Landessynode. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politik und Religion, Interkultureller Dialog und Menschenrechte sowie Literatur- und Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

David Müller ist Politischer Fürsprecher für Religionsfreiheit im Irak der gemeinnützigen ojcos-stiftung und macht in Deutschland und Europa bei Politikern, Kirchen und Medien auf die Menschenrechtslage im Irak aufmerksam und setzt sich für eine langfristige Lebensperspektive und dauerhafte Sicherheit der vielen Minderheiten im Land ein. Außerdem ist er ehrenamtlich in unterschiedlichen politischen Gremien aktiv.