Mit Gott gegen die Werke der Finsternis
Der Ruf zu einem außergewöhnlichen Reisedienst im Kongo
Seit 2003 sind wir mit Albert Kadukima Baliesima in regem Kontakt. Er setzt sich als Gesundheitsbeauftragter der Anglikanischen Kirchenprovinz im Kongo mit großer Hingabe und einem schier unerschöpflichen Elan für die medizinische Versorgung vieler Gemeinden ein. Albert hat ein umfassendes Programm zur Bekämpfung von AIDS und Aufklärung über die AIDS-Epidemie erarbeitet, bildet Pastoren, Krankenpfleger und Laien als Multiplikatoren aus und wird nicht müde, bei Hungerkatastrophen und Epidemien schnelle Hilfe zu organisieren.
Albert ist uns weit mehr als „nur“ Projektpartner – wir schätzen ihn auch als guten Freund und wahren Bruder in Christus. Bereitwillig ist er auf unsere Bitte eingegangen, uns von seinem persönlichen Leben, seiner Familie und seinem Glauben zu erzählen.
Albert, erzählen Sie uns von Ihrer Herkunft und Kinderzeit.
Ich stamme aus einer traditionellen und kinderreichen kongolesischen Familie. Mein Vater ist Bauer und Jäger von Beruf, er hatte 5 Ehefrauen und verehrte die Geister seiner Ahnen. Gelegentlich, bei Krankheits- und Todesfällen in der Familie, brachte er ihnen sogar Opfer dar. Er und meine älteren Brüder weckten in mir die Begeisterung für die Jagd und die Viehzucht. Bis zu meiner Einschulung war ich mit ihnen unterwegs, verließ dann aber mein Dorf und zog zu den Großeltern, um die Volksschule zu besuchen. Von den beiden weisen Alten lernte ich vor allem das Geschichtenerzählen, den Wert der Gastfreundschaft und der Güte. Mit 13 musste ich mich als Gymnasiast in der Stadt Beni, 100 km von Zuhause, zurechtfinden und kam, da wir uns kein Internat leisten konnten, bei Pflegeeltern aus ganz anderen Stämmen und Kulturen unter. Für meinen Unterhalt hatte ich selbst aufzukommen, ohne dabei in Schule und Universität ins Hintertreffen zu geraten. Es war eine harte Zeit, aber im Nachhinein weiß ich, dass alle Schwierigkeiten dazu dienten, mich auf meine Zukunft vorzubereiten und meinen Charakter zu formen. Auch die Herausforderung, zwischen den Kulturen und Sprachen nicht unterzugehen – ich habe mich in insgesamt 8 Sprachen zurechtfinden müssen –, hat sich als unverzichtbar für meine jetzige Arbeit erwiesen.
Sie haben also gar keine christliche Erziehung genossen. Wie sind Sie zum Glauben gekommen?
Die Universität in Kisangani war 700 km von meinem Heimatdorf entfernt. Ich lebte dort im Haus meines Onkels Tibafa Mugera, einem frommen Mann, der zu jener Zeit sogar Bischof der anglikanischen Diözese war. Das war eine sehr prägende Phase, vor allem, was meinen persönlichen Glauben anbelangt, denn der Großteil meiner Verwandtschaft, auch meine Eltern und Geschwister, hatte mit dem Glauben nicht viel am Hut. Als Knabe hatte ich 1980 geträumt, dass mein inzwischen verstorbener Großvater mich dringend ermahnte, mich taufen zu lassen, damit ich nicht ins Gericht käme. Ich nahm diesen Traum als einen Anruf Gottes an mich, ihm mein Leben anzuvertrauen und ließ mich ein Jahr darauf in der Anglikanischen Kirche taufen.
Leider brachte die Taufe damals nicht die erhoffte Veränderung. Ich sang zwar im Gemeindechor, fand aber keine wirkliche Beziehung zu Jesus und blieb weiterhin verstrickt in Auflehnung und Sünde. Irgendwann gab ich auch das Singen auf, jobbte hart und lebte mein Collegeleben. Nach vier Jahren – ich war inzwischen Universitätsstudent – trat ich zur Freude meines Onkels wieder in den Chor ein, allerdings mit wenig echter Begeisterung. Irgendwann probten wir ein Lied mit dem Text: “Junge/Mädchen, widerstehe dem Bösen, der Sieg ist dir gewiss… Gott selbst wird deine Tränen trocknen und dein Leid wegnehmen… Er spricht: willkommen, mein geliebtes Kind.“ Das fuhr mir ins Herz, und ich erkannte, dass Gott mich berief, mit ihm gegen die Werke der Finsternis zu kämpfen. Dazu war ich nun bereit. Am nächsten Tag, einem Sonntag, wies mich der Heilige Geist an, Zeugnis vor der Gemeinde zu geben. Von diesem Tag an gebrauchte er mich in den unterschiedlichsten Diensten: ich predigte, leitete Chöre, begleitete junge Ehepaare, unterwies die Laienmitarbeiter. Dabei hatte ich tatkräftige brüderliche Unterstützung von meinem Kommilitonen und späteren Kollegen Benoit Kalume, mit dem ich viel gebetet und die Bibel studiert habe und so Jesus immer besser kennenlernen konnte.
Sie sind heute Gesundheitsbeauftragter der Kirche, also zugleich Manager und Pädagoge, Trainer für Theologen aber auch für Krankenpfleger. Was muss man für so einen Job studiert haben?
Nach meinem Studium der Betriebswirtschaft- und verwaltung am Kisangani Higher Institute of Commercial Sciences und an der Katholischen Universität Graben in Butembo kam ich im Schuldienst unter und unterrichtete 8 Jahre lang, bis ich einen Posten als Gymnasialdirektor übernahm. Bereits ein Jahr später, 1993, folgte ich der Einladung der Kirche, die Verwaltung der Gesundheitsabteilung in der Diözese North Kivu zu übernehmen. Diese Abteilung wurde zuvor von zwei australischen Missionaren geleitet, Dr. Brett Newell, und danach von Maggie Crewes, die wegen der anhaltenden Kriegssituation im Kongo das Land verlassen mussten. Da waren wir als Einheimische gefordert. 2001 erhielt ich ein Stipendium von CMS UK und vom Tearfund UK für das Master of Public Health Programme an der Universität Makerere in Uganda. Wie viele andere Stipendiaten bekam auch ich interessante Jobangebote, aber ich blieb dabei, dass ich in die Demokratische Republik Kongo zurückkehren und dort in meiner Kirche arbeiten werde. Das habe ich 2003 nach meinem Abschluss auch getan und wurde der Beauftragte des Gesundheits- und HIV/AIDS-Programms der Anglikanischen Kirchenprovinz Kongo.
Es war ein großes Abenteuer, denn ich begann die Arbeit ganz allein, unentgeltlich und mit einem kleinen Budget. Aber Gott baute das Werk von oben mit: inzwischen habe ich vier feste Mitarbeiter, darunter auch einen Arzt. Bevor ich diese Aufgabe übernahm, war die kirchliche Gesundheitsfürsorge noch nicht auf nationaler Ebene koordiniert. Jede Diözese gab ihr Bestes, konnte jedoch nur punktuell helfen. Die Gesundheitszentren waren im Krieg zerstört worden, es fehlte an Medikamenten und medizinischem Gerät, es gab kaum Initiativen zur Eindämmung von AIDS, denn die HIV-Infektion galt als Strafe Gottes, die nur die Sünder trifft – wer infiziert war, war in der Gemeinde stigmatisiert. Das ist heute Gott sei Dank anders. Die acht anglikanischen Diözesen haben einen gemeinsamen Fünfjahresplan entwickelt, der jährlich überprüft und aktualisiert wird und den auch staatliche Behörden als sehr effektiv einschätzen. Wir haben inzwischen 6 wiederhergestellte Gesundheitszentren und weitere 10 medizinische Einrichtungen im ländlichen Bereich.
Wie entscheiden Sie angesichts der dringlichen Aufgaben, was getan werden muss und wem zuerst geholfen wird?
Unser Fünfjahresplan hat auch eine Prioritätenliste. In unvorhergesehenen Notfällen, die es im Bürgerkrieg natürlich sehr häufig gibt, greifen wir sofort ein, dann müssen unsere Entwicklungsprojekte leider pausieren. Am Herzen liegt mir aber vor allem die Kampagne gegen AIDS, die Versorgung der HIV-Infizierten und der vielen AIDS-Waisen in unserem Land, die es sehr schwer haben. 80 Waisenkinder unterstützen wir zur Zeit auch durch Schulstipendien. Ich bin auch sehr dankbar für die Initiative STAYS (Straight Talk Among Youth in Schools), in der Schüler andere Schüler in für sie angemessener Weise über Themen der Sexualität und HIV/AIDS informieren.
Mit welchen Organisationen arbeiten Sie zusammen?
Unsere wichtigsten Partner sind außer der Offensive Junger Christen, der Overseases Relief and Development Fund (ORAF), der Tearfund UK und die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG).
Die Republik Kongo ist riesengroß und ein Landstreifen von Uganda gehört ebenfalls zu ihrem Einsatzgebiet. Wie organisieren Sie die Arbeit über solche Entfernungen?
Ich reise viel, um in allen Diözesen Schulungen durchzuführen und Vorträge zu Gesundheitsfragen zu halten. Leider sind die Straßenverhältnisse im Kongo nur mangelhaft, das macht das Reisen sehr teuer, und ohne Geländewagen mit Vierradantrieb kommt man nicht weit. Ich fahre monatlich etwa 3.500 Kilometer innerhalb der Staatsgrenzen und bin mindestens einmal im Monat auch im Ausland unterwegs.
Deswegen ist eine gut funktionierende Teamarbeit unersetzlich, nicht nur in der Zentrale, sondern auch mit den Ehrenamtlichen im Außendienst. Im Koordinationsbüro arbeiten außer mir ein Programmorganisator, ein Arzt, ein Supervisor, ein Projektmanager und ein Buchhalter. Zudem hat jede Diözese einen eigenen Arzt, viele Pfleger – insgesamt 664 – und eine Reihe von Verwaltungsangestellten. Auch der wunderbare Teamgeist über Tausende von Kilometern hinweg ist ein Grund zur Dankbarkeit.
Wie kommt Ihre Familie damit zurecht, dass Sie so oft von Zuhause weg sind?
Es fällt ihnen schon sehr schwer. Meine Frau Martha Vira vermisst mich oft, aber sie bringt dieses Opfer mit Langmut und im Glauben, weil sie weiß, dass meine Arbeit sehr wichtig ist. Für die Kinder ist es schwer zu verstehen, dass ich sie immer wieder verlasse. Unsere Jüngste fragt mich jeden Morgen, ob ich fortfahre – und es macht mich traurig, wenn ich ihr sagen muss: Ja, ich bin wieder einige Tage weg. Wir haben unseren drei Töchtern und drei Söhnen jeweils einen christlichen und einen kongolesischen Namen gegeben. Die Älteste ist 16 und heißt Benedicto Bonabana (=alle Kinder sind gute Kinder), ihr folgen David Amani (=Frieden), Amos Njoloba, Boaz Balyeijuka (sie werden sich erinnern), Blandine Mbabazi (=Gnade) und Marielle Ambusa (kleiner Zwilling).
Wenn ich dann endlich ein wenig Freizeit habe, spiele ich am liebsten mit diesen wunderbaren Geschöpfen und freue mich, wenn ich in meinem Garten arbeiten kann.
Sie haben ein großes Herz für Ihr Land und Ihre Kirche. Was bedeutet Ihnen der Kongo?
Er ist meine Heimat. Ich liebe die Schönheit des Landes, seine Größe, die Landschaft und bin sehr stolz auf den außergewöhnlichen Reichtum an Bodenschätzen, Mineralien. Es tut mir unendlich weh, dass gerade das in anderen die Gier weckt und Plünderungen über das Land und Krieg über unser Volk bringt. Ich wünschte mir, dass sich daran endlich etwas ändert.
Sie sind in der Welt schon weit herumgekommen, waren in Australien und in Europa. Was ist Ihnen am europäischen Lebensstil aufgefallen?
Es waren die vielen alten Gesichter, die mir aufgefallen sind, das hat mich sehr berührt. In Europa und in Australien werden Menschen alt! Das ist in Afrika die Ausnahme. Im Kongo beträgt die Lebenserwartung gerade mal 41 Jahre, die Hälfte von der in Deutschland. Auch die Kindersterblichkeit ist enorm. Und natürlich der ganz andere Lebensstandard. In Australien habe ich Schüler ihren Wagen vor der Schule parken sehen, während bei uns sich nicht einmal ein Universitätsprofessor ein Auto leisten kann. Ich habe oft an den Vers in Johannes 10,10 denken müssen, als Jesus sagt: „…Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.” In diesen Ländern ist so viel Fülle. Manchmal frage ich mich, ob diese Verheißung auch für Christen in Afrika und insbesondere im Kongo gilt.
Es war sehr wohltuend, die Verbundenheit mit den Geschwistern in diesen Ländern zu erleben: die Gastfreundschaft überall, die herzliche Aufnahme in der OJC und Eure Unterstützung. Ich bin von jeder Reise gestärkt nach Hause gekommen.
Das aktuelle Thema des Freundesbriefes lautet “Abschied und Neubeginn“. Können Sie uns eine oder zwei Begebenheiten aus Ihrem Leben erzählen, bei der ein neuer Anfang auf Sie wartete?
Vor meiner Bekehrung war ich der Meinung, es reiche, wenn ein Christ anständig lebt, den Gottesdienst besucht und den Bedürftigen hilft. Das versuchte ich gewissenhaft zu tun, scheiterte aber immer wieder daran. Nach meiner Umkehr merkte ich, dass ich das Pferd falsch herum aufzäumte, wenn ich auf meine eigene Kraft und Leistung baute. Ich entschloss mich, meinen Leib, meine Seele, einfach alles, was ich hatte, Jesus Christus als meinem Herrn und Erlöser zu übergeben. Seither lebe ich mit dem Gefühl, eine große Last los zu sein. Mein Leben mit Ihm hat mich gelehrt, dass ich einen unsichtbaren Arm habe: Jesus selbst macht mich fähig, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Worauf ich vorher nicht verzichten mochte, reizt mich heute nicht mehr und das, was ich vorher als zu wenig betrachtete, macht mich heute zufrieden.
Einen anderen Neuanfang verdanke ich meiner Frau. Wir lebten nach unserer Hochzeit 1992 in sehr bescheidenen Verhältnissen in Kisangani. Ich arbeitete damals als Lehrer, und uns fehlte es an allem, denn die Regierung hielt mein Gehalt zurück. Darum zogen wir in das günstigere Beni und lebten bei der Familie meines Vetters, der zwar selbst sehr arm war, uns aber großzügig aufnahm. Ich war mit der Situation ganz zufrieden, meine Frau aber spürte, dass diese ängstliche Abhängigkeit nicht in Ordnung war. Sie ließ nicht locker, bis wir ein eigenes Haus gemietet hatten, obwohl wir nicht wussten, woher die Miete kommen sollte. Im Gegensatz zu mir hatte sie das Vertrauen zu Gott, dass er für den Unterhalt sorgen würde. Und er ließ sie nicht im Stich, sondern schenkte mir bald einen sicheren Arbeitsplatz. Wir lernten durch diesen Schritt, mehr zu wagen und andere bedürftige Menschen zu ermutigen und zu unterstützen. Gottes Gnade und Fürsorge lassen uns weiter im Glauben wachsen und in den Krisen nicht verzagen. Sie bringen uns Ihm und den Menschen immer näher. So können wir zusammen mit all denen, mit denen meine Frau und ich in Verbindung stehen, lernen, am Glauben festzuhalten.
Die Fragen für die Salzkorn-Redaktion stellte Ellen Kirchhoff.